Teil 7: Wie geht es der Branche?

BDE

„Wir brauchen Quoten für den Rezyklateinsatz“

Das Geschäft mit den Rezyklaten hakt hinten und vorne. Hinten, weil es nicht genügend Abnehmer für Rezyklate gibt. Vorne, weil die Zahl der Rezyklierer sinkt. Andreas Bruckschen vom Entsorgungsverband BDE schlägt daher neue Regulierungsinstrumente vor.

Person und Organisation Dr. Andreas Bruckschen ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE). Der Verband vertritt rund 800 Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Kreislauf- und Ressourcenwirtschaft, überwiegend mittelständisch geprägt, und repräsentiert einen Großteil der privatwirtschaftlich erbrachten Entsorgungsleistungen.

Herr Bruckschen, die Branche beklagt den Rückgang der Recyclingkapazitäten vor allem für Glas und Papier – für Glas wurde der Zentralen Stelle Verpackungsregister zufolge 2024 die Recyclingquote nicht erreicht. Lässt sich der Rückgang der Kapazitäten quantifizieren?

Der Rückgang der Recyclingkapazitäten lässt sich nicht exakt beziffern, da entsprechende Daten nicht konsolidiert öffentlich vorliegen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Teile der Glasproduktion stillgelegt wurden – zahlreiche Glasschmelzwannen oder sogar ganze Werke wurden geschlossen, teilweise wurden Produktionen ins Ausland verlagert. Dadurch hat sich die Verarbeitungskapazität insgesamt stark verringert, und somit auch die Nachfrage nach Recyclingscherben für die Glasherstellung. Trotz dieser Herausforderungen liegt Deutschland bei der Glasverwertung nach wie vor auf hohem Niveau: Die Recyclingquote beträgt seit Jahren etwa 80 Prozent, damit liegt sie deutlich über der europäischen Vorgabe. Der gesetzlich geforderte nationale Zielwert von 90 Prozent ist unter den aktuellen Rahmenbedingungen jedoch nicht realisierbar. Selbst wenn noch größere Mengen gesammelt würden, müssten verlässliche Absatzmärkte bestehen, damit das Glas tatsächlich wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden kann.

Staut sich das Glas bereits?

Ja, besonders beim Grünglas haben sich bereits deutliche Lagerbestände gebildet. In einigen Regionen stoßen die Recyclingunternehmen mit ihren Lagerflächen an Kapazitätsgrenzen, während weiterhin täglich neue Mengen eintreffen, da die Sammelquoten nach wie vor hoch sind. Das Problem liegt dabei nicht bei der Erfassung oder der Qualität des Altglases, sondern auf der Absatzseite: Für bestimmte Glasfraktionen fehlt aktuell die ausreichende Nachfrage aus der Industrie.

Warum ist das problematisch?

Die Situation ist aus mehreren Gründen problematisch und birgt sowohl kurzfristige als auch strukturelle Risiken. Kurzfristig führt der fehlende Absatz dazu, dass Recyclingunternehmen zusätzliche Kosten tragen müssen, etwa für die Lagerung. Diese Kosten werden letztlich entlang der Wertschöpfungskette weitergegeben und können sich bis auf die Preise für Endverbraucherprodukte auswirken. Gleichzeitig droht ein logistisches Problem: Sobald genehmigte Lagerkapazitäten ausgeschöpft sind, können Anlagen kein weiteres Altglas mehr annehmen. Langfristig ist es aus industriepolitischer Sicht wichtig, den Glaskreislauf in Deutschland zu stärken. Das kann nur gelingen, wenn alle Akteure der Wertschöpfungskette – Recyclingunternehmen, Glasindustrie, duale Systeme, abfüllende Unternehmen, Handel sowie private und kommunale Entsorgungsdienstleister – zusammenarbeiten und die inländische Produktion stabil bleibt.

Gilt das auch für Papier?

Die Situation im Papierrecycling unterscheidet sich von der im Glasbereich, gleichwohl sind auch hier strukturelle Veränderungen zu beobachten. Der Markt befindet sich im Wandel: Während die Nachfrage nach grafischen Papieren wie Zeitungen und Zeitschriften kontinuierlich zurückgeht, steigt zugleich der Bedarf an Verpackungspapieren, etwa durch den Online-Handel. Diese Verschiebung wirkt sich unmittelbar auf die Zusammensetzung und Qualität der gesammelten Altpapiermengen aus. Das Recyclingsystem insgesamt funktioniert zwar weiterhin stabil, jedoch steigen die Anforderungen an Sortierung und Aufbereitung spürbar, um den veränderten Materialströmen gerecht zu werden.

Sie fordern „wirksame Investitionsanreize und Planungssicherheit“ für Recyclingunternehmen und die Förderung des Rezyklatabsatzes. Können wir das mit „Mehr Geld, bitte“ zusammenfassen?

Diese Darstellung greift zu kurz. Im Kern geht es nicht um pauschale finanzielle Unterstützung, sondern um verlässliche und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für die gesamte Branche. Dazu zählen insbesondere bezahlbare Energie- und Strompreise für die Glasindustrie, Planungssicherheit für Investitionen sowie stabile und funktionierende Absatzmärkte für Rezyklate. Nur wenn diese strukturellen Voraussetzungen erfüllt sind, kann der Wertstoffkreislauf dauerhaft wirtschaftlich betrieben und weiterentwickelt werden.

Was schlagen Sie konkret vor?

Es braucht marktwirksame Instrumente, die die Nachfrage nach hochwertigen Rezyklaten fördern und Investitionen anregen. Eine Rezyklateinsatzquote würde klare und verlässliche Rahmenbedingungen schaffen und gleichzeitig einen gesicherten Absatz für die gesammelten Rezyklate gewährleisten. Kurzfristig wäre zudem eine unbürokratische Erweiterung der genehmigten Lagerkapazitäten sinnvoll, um Engpässe bei wachsenden Mengen – insbesondere von Grünglas – zu vermeiden.

Rezyklateinsatzquoten – das klingt nach neuer Bürokratie. Der Trend geht eher zur Vereinfachung von Prozessen und zur Lockerung von Nachhaltigkeitsvorgaben.

Entscheidend ist die Ausgestaltung der Vorgaben: Zu wenig Regulierung schafft keine Verlässlichkeit, zu viel kann Investitionen hemmen. Für die Entwicklung eines stabilen Rezyklatmarktes sind klare und verlässliche Regeln notwendig, gleichzeitig muss die praktische Umsetzung effizient bleiben.

Das Gespräch führte Stefan Becker