Wie geht es der Branche?
Was die Branche umtreibt – 2026 und darüber hinaus
Die PPWR wird wirksam, die Marktlage ist schwierig – kurz vor der Interpack steht die Verpackungsbranche vor einer Fülle an Herausforderungen. Der packREPORT hat mit Verbänden und Unternehmen gesprochen. Hier sind die Interviews, aus denen wir in Heft 1/2026 zitiert haben, im Director’s Cut.

Foto: Andre Wagenzik
Deutsches Verpackungs-Institut
„Eine ausgesprochen herausfordernde Phase“
Das Deutsche Verpackungsinstitut hat die gesamte Branche im Blick – und sieht die Anstrengungen, die die PPWR von allen Beteiligten erfordert. Geschäftsführerin Natalie Brandenburg verliert aber nicht den Mut: „Die Branche verfügt über erhebliche Gestaltungskraft“.
Person und Organisation Dr. Natalie Brandenburg ist Geschäftsführerin des Deutschen Verpackungsinstituts in Berlin. Die Organisation, 1990 im Umfeld der Verpackungsverordnung gegründet als übergreifender Ansprechpartner für die Politik, versteht sich als Verband für die gesamte Wertschöpfungskette der Verpackung vom Maschinenbau bis zum Recycling. Brandenburg war zuvor Senior-Projektmanagerin und Leiterin des Kompetenzteams Nachhaltigkeit für S&P Consulting.
Frau Brandenburg, das DVI nimmt für sich in Anspruch, die gesamte Wertschöpfungskette der Verpackungsbranche abzubilden. Wie geht es der Branche?
Der Markt in Deutschland wie auch in Europa ist derzeit von erheblicher regulatorischer Unsicherheit geprägt. Gleichzeitig bleibt eine spürbare Erholung des privaten Konsums bislang aus. Gerade der war in der Vergangenheit ein verlässlicher Wachstumstreiber für die Verpackungsbranche. Hinzu kommen volatile Rohstoffpreise, die viele Unternehmen nur begrenzt weitergeben können und die daher unmittelbar auf die Margen drücken. In Summe sehen wir aktuell nur begrenzte Wachstumsimpulse bei gleichzeitig hoher Dynamik und kurzfristigen Veränderungen im Marktumfeld – und gehen davon aus, dass sich dieses Muster fortsetzen wird. Die Insolvenzen im Jahr 2025, auch bei traditionsreichen Unternehmen, unterstreichen den strukturellen Druck. Insgesamt befindet sich die Verpackungsbranche in Deutschland und Europa damit in einer ausgesprochen herausfordernden Phase.
Im August werden die ersten Regeln der PPWR wirksam. Wie blicken Sie auf die Verordnung?
Grundsätzlich begrüßt die Branche die PPWR und unterstützt die übergeordneten Ziele. Gleichzeitig handelt es sich um eine tiefgreifende regulatorische Transformation, die die gesamte Wertschöpfungskette betrifft. Herausfordernd ist vor allem, dass viele zentrale Punkte in der Verordnung erst über delegierte Rechtsakte präzisiert werden. So werden etwa detaillierte Vorgaben zur Recyclingfähigkeit erst für Anfang 2028 erwartet. Das führt dazu, dass der Zeitraum zwischen finaler Klarheit und operativer Umsetzung sehr kurz sein wird. Genau diese enge Taktung und die damit verbundene Planungsunsicherheit stellen für viele Unternehmen aktuell eine der größten Herausforderungen dar.
Wie zu hören ist, warten viele Unternehmen noch ab in der Hoffnung, die Vorgaben würden in den delegierten Rechtsakten noch aufgeweicht.
Es wäre sicherlich zu kurz gegriffen zu glauben, dass sich die grundlegende Stoßrichtung der Regulierung noch einmal komplett verändern lässt. Gleichzeitig zeigt der politische Prozess, dass gezielte Anpassungen durchaus möglich sind. Ein Beispiel ist der Referentenentwurf des Verpackungsrechtdurchführungsgesetzes, der ursprünglich die Einrichtung einer „Organisation für Reduzierungs- und Vermeidungsmaßnahmen“ vorsah – letztlich eine zusätzliche Bürokratiestruktur. Sie findet sich im Gesetzentwurf der Bundesregierung inzwischen nicht mehr. Auch in Artikel 29 der PPWR sehen wir Bewegung: So ist mittlerweile anerkannt, dass Ladeeinheitensicherungen wie Umreifungsbänder oder Schrumpffolien für Paletten praktisch nicht, wie in der PPWR ursprünglich gefordert, mehrfach verwendbar sind – insbesondere nicht in automatisierten Logistikprozessen. Materialien wie Umreifungsbänder verlieren mit jedem Einsatz an Länge und Funktionalität. Die Branche hat deshalb vorgeschlagen, in solchen Fällen den Fokus von der Wiederverwendung auf hochwertiges Recycling zu verlagern – verbunden mit der Bereitschaft, die dafür notwendige Infrastruktur weiter auszubauen. Genau für diese Anpassungsprozesse auf Basis konsolidierter fachlicher Expertise der Branche steht das dvi der Politik als Sparringspartner zur Verfügung.
Am 12. August werden die ersten Regelungen der PPWR wirksam. Wird alles funktionieren?
Noch nicht abschließend geklärt ist derzeit die Datenverfügbarkeit für die Konformitätsarbeit in den Unternehmen. Dies ist jedoch ein wesentlicher Erfolgsfaktor, da die bislang übliche technische Dokumentation nur einen Teil der künftig benötigten Informationen abdeckt. Darüber hinaus besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf bei der Digitalisierung der Lieferketten. Die zentrale Herausforderung liegt darin, relevante Daten unternehmensweit verfügbar zu machen, sie strukturiert zu verwalten und effizient über geeignete Schnittstellen entlang der Wertschöpfungskette bereitzustellen.
Das klingt eher düster.
Die Branche verfügt über erhebliche Gestaltungskraft, und die PPWR setzt zusätzliche Impulse. Gelingt es uns, wirtschaftlich tragfähige und skalierbare Lösungen zu entwickeln, wird dies zu einem echten Wettbewerbsvorteil. Das ist zweifellos eine große Herausforderung, doch viele Unternehmen arbeiten schon seit Jahren an den notwendigen Innovationen. Allein im Bereich der Recyclingfähigkeit gab es in den vergangenen Jahren zahlreiche beeindruckende Einreichungen für den Deutschen Verpackungspreis, die zeigen, welche Leistungen die Branche erbringt. Und ein Blick zurück stimmt zuversichtlich: Mit der Verpackungsverordnung von 1991 hat die Branche bereits einmal eine tiefgreifende Transformation erfolgreich gemeistert.
Das Gespräch führte Stefan Becker