Teil 5: Wie geht es der Branche?

Herma

„Etiketten können zur Nachhaltigkeit beitragen“

Die PPWR betrifft alle Facetten der Verpackung. Milos Kojic von Herma erläutert, was das für Haftmaterial und Etiketten bedeutet, welche Rolle sie für PPWR-Konformität spielen können und wie Herma dem Wettbewerb aus Asien begegnen will.

Person und Organisation Mara Hancker ist Geschäftsführerin Kommunikation der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen in Bad Homburg. Die IK sieht sich als Wirtschaftsverband der deutschen Kunststoffverpackungsindustrie. Sie zählt rund 300 Mitgliedsunternehmen, einschließlich 50 Fördermitgliedern aus unterschiedlichen Industriebereichen. Laut IK stehen die ordentlichen Mitglieder für mehr als 80 Prozent der Kunststoffverpackungsproduktion in Deutschland, gemessen am Umsatz.

Herr Kojic, Herma liefert Haftmaterial, Etiketten und Etikettiermaschinen, aber keine Verpackungen selbst – inwiefern sind Sie von den Regelungen der PPWR betroffen?

Die Etikettenbranche ist stärker betroffen, als man auf den ersten Blick denken mag. Etiketten sind schließlich Bestandteil der Verpackung. Nehmen wir eine Shampooflasche mit Etikett: Früher brauchte die Packung lediglich dem Produktmanagement und dem Marketing zu gefallen. Unter der PPWR müssen wir es zusätzlich schaffen, dass das Etikett während des Recyclings sauber von der Flasche entfernt werden kann und dafür auch zertifiziert ist. Funktioniert das nicht, darf das Etikett nicht verwendet werden. Oder der Hersteller zahlt später hohe Entgelte für den Abfall.

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Ist die Ablösbarkeit denn ein Problem?

Sie ist eine große Sache, die gern unterschätzt wird. Wir haben das rechtzeitig erkannt und bieten viel Beratung dazu an, auch für größere Marken. Das Interesse ist riesig, aber es gibt leider noch sehr viel Unwissenheit.

Wie lässt sich die Ablösbarkeit denn – nun, ja: lösen?

Zum Beispiel über Wash-off-Eigenschaften der an sich permanenten Haftkleber. Unsere Mehrschichttechnologie hilft uns dabei, dieses Ziel selbst bei Standardhaftklebern zu erreichen. Die Stoffbeschränkungen der PPWR treffen uns schon, aber wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Unser Ziel ist es, dass die Etiketten die gesamte Verpackung nachhaltiger machen, eben weil sie sich sauber aus dem Recyclingprozess entfernen lassen.

Wäre es nicht sinnvoller, wenn die Etiketten aus demselben Material wären wie die Shampooflasche? Oder die Flasche direkt bedruckt würde? Dann entfiele das Ablösen.

Nein. Etiketten tragen ja die Marke. Sie weisen daher üblicherweise viele Farben und Veredelungen auf, die das Rezyklat verunreinigen und seine Farbe verändern. Das bekommen Sie nicht mehr heraus. Für den Direktdruck gilt das Gleiche, daher gehen wir inzwischen davon weg. Das Etikett von der Shampooflasche zu lösen ist die bessere Variante und bringt ein sauberes Rezyklat. Etiketten sind außerdem besser lesbar als Direktdrucke. Der nächste Schritt werden Wash-off-Etiketten für Glasverpackungen sein.

Herma beschäftigt sich auch mit kompostierbaren Etiketten – wo werden die eingesetzt?

Zum Beispiel für Lebensmittel, die leider in den Kompost gehen, wenn sie nicht mehr verkäuflich sind. Das wird zum Teil heute schon gefordert, hat aber natürlich nicht überall Sinn.

Ist die PPWR für Sie also Chance oder Herausforderung?

Beides. Zum einen sehen wir die Chance, dass Etiketten stärker als Problemlöser wahrgenommen werden. Sie leisten künftig einen größeren Beitrag zur Nachhaltigkeit von Verpackungen, dadurch werden sie wertvoller.

Und zum anderen?

Die PPWR ist eine große Chance, aber man muss vorbereitet sein, um die richtigen Produkte anbieten zu können. Was vom 12. August an vorgeschrieben sein wird, ist ja nur der erste und noch nicht der große Schritt. Das finde ich gut, das wird sensibilisieren. Die nächsten Schritte sind dann entscheidend. Es bleibt auch noch sehr viel zu tun, zum Beispiel, was Konformitätserklärungen angeht. Und einige Etikettendruckereien produzieren Etiketten auf Lager – wenn sich darin ein problematischer Stoff findet, dürfen die Etiketten vom 12. August an nicht mehr in den Umlauf kommen. Die PPWR bietet also auch uns und unseren Kunden die Chance, sich durch Innovationen vom Wettbewerb abzusetzen.

Wie im internationalen Geschäft.

Ja, wir bekommen es mit Anbietern aus Asien zu tun. Sie haben Überkapazitäten und sehen Europa als attraktiven Markt. Ihre Preise sind extrem niedrig, da fragen wir uns schon, wie das kalkuliert wird und welche Kompromisse man als Etikettendrucker oder -verwender dafür eingehen muss. Wir sehen uns in unserer Strategie bestätigt, über Innovation und Qualität statt über den Preis zu verkaufen.

Wie stark betrifft Sie die Zollpolitik der USA?

Wir sind hier sehr gut aufgestellt. Im Bereich Haftmaterial haben wir seit einem Jahr eine strategische Partnerschaft mit Wausau Coated Products, wodurch sich unsere Produktportfolios hervorragend ergänzen. Auch im Maschinenbau – insbesondere mit unserer US-Tochter – vertrauen unsere Kunden weiterhin auf unser Know-how sowie auf unsere Etikettiermaschinen, die überwiegend in der Pharmaindustrie eingesetzt werden.

Wo sehen Sie die Branche in fünf Jahren?

Der Trend wird sich zwangsläufig in Richtung Verpackungsvermeidung und Materialreduzierung entwickeln. Da wir Etiketten weiterhin als zentrale Lösung sehen, werden sich bestimmte Entwicklungen weiter verstärken. Dazu zählen insbesondere trägerlose Etiketten, vor allem in logistischen Anwendungen. Auch Wash-Off-Etiketten, die heute noch eher ein Sonderfall sind, werden sich perspektivisch zum Standard entwickeln.

Das Gespräch führte Stefan Becker