Teil 2: Wie geht es der Branche?

Foto: IK
Industrievereinigung Kunststoffverpackungen
„Iran-Krieg treibt Preise“
Mara Hancker von der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen über die Rohstofflage, Recyclingquoten, den Rezyklatmarkt und ihr Ziel, das öffentliche Bild von Kunststoffen zu verbessern.
Person und Organisation Mara Hancker ist Geschäftsführerin Kommunikation der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen in Bad Homburg. Die IK sieht sich als Wirtschaftsverband der deutschen Kunststoffverpackungsindustrie. Sie zählt rund 300 Mitgliedsunternehmen, einschließlich 50 Fördermitgliedern aus unterschiedlichen Industriebereichen. Laut IK stehen die ordentlichen Mitglieder für mehr als 80 Prozent der Kunststoffverpackungsproduktion in Deutschland, gemessen am Umsatz.
Mara Hancker von der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen über die Rohstofflage, Recyclingquoten, den Rezyklatmarkt und ihr Ziel, das öffentliche Bild von Kunststoffen zu verbessern.
Auf der Nachfrageseite sehen wir ein gemischtes Bild: Viele Haushalte sind preisbewusst, sparen viel und schränken gerade bei Produkten des täglichen Bedarfs ihre Einkaufsmenge ein. Das begrenzt den Bedarf an Standardverpackungen im Massenmarkt. Gleichzeitig bleiben Qualitäts-, Gesundheits- und Convenience-Produkte stark nachgefragt. Davon profitieren Segmente wie Becher, Dosen, Kisten, Steigen und Paletten, die in wachstumsstarken Bereichen wie Molkereiprodukten, Convenience-Food oder Frische eingesetzt werden.
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In einer Umfrage, die Sie im Januar veröffentlichten, haben Ihre Mitglieder die Rohstoff-Verfügbarkeit als gut bewertet. Wie hat sich das durch den Iran-Krieg geändert?
Vor wenigen Wochen haben wir die Rohstoffverfügbarkeit noch als grundsätzlich gut bewertet. Dieser Tage erleben wir allerdings einen Rohstoffschock: Der Krieg im Iran und die Blockade am Golf führt zu starken Preisaufschlägen bei Kunststoffneuware, deren Rohstoffe betroffen sind. Dabei zeigt sich: Die Dynamik am Markt geht in Teilen deutlich über die reale Verknappung hinaus. In vielen Fällen sind Lagerbestände entlang der Lieferketten noch vorhanden, Preise aber bereits massiv gestiegen. Das kostet Vertrauen in Partnerschaften.
Schon vor dem Krieg am Golf haben wir eine Verschiebung auf den Weltmärkten gesehen. Die Kapazitäten für Kunststoff-Neuware in Europa nehmen deutlich ab, während Asien massiv ausbaut. Und bisher gelingt es der Politik nicht, den europäischen bzw. deutschen Markt für Rezyklate als Zukunfts-Ressource zu stärken. Im Gegenteil: Auch hier wurden wegen fehlender Nachfrage und bisher günstiger fossiler Neuware Kapazitäten abgebaut. Das ist eine Katastrophe und braucht alle Akteure der Wertschöpfung, die an einem Strang ziehen. Ein Appell geht hier vor allem auch an die Abnehmer der Verpackungen: Handel und Marken. Sie haben den wirkmächtigsten Hebel für nachhaltige Verpackungen im Zugriff: kontinuierliche Nachfrage.
Wie stark geraten die Gewinne unter Druck?
Die Branche bewegt sich in einem Umfeld stagnierender realer Konsumnachfrage bei gleichzeitig weiterhin positiver, wenn auch normalisierter Inflation. Die Unternehmen haben 2025 in etwa genauso viel produziert wie 2024 – knapp 3,9 Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen, ein leichtes Plus von 0,2 Prozent. Gleichzeitig ist der Umsatz nominal um rund 1 Prozent zurückgegangen. Das heißt: Real verdienen die Betriebe je Tonne weniger. Der Preis- und Margendruck bleibt folglich hoch. In Folge der gestörten Versorgungsketten wird dieser Druck steigen. Besonders kritisch ist die Situation für kleine und mittlere Unternehmen. Da viele Unternehmen mit langfristigen Lieferverträgen und geringen Margen arbeiten, lassen sich diese Kosten nicht kurzfristig kompensieren. Die möglichen Folgen reichen von negativen Cashflows und massiven Schieflagen bis zu einer durch die Produktionskette laufenden Preiswelle, die auch die Verbraucher erreicht.
Spüren Ihre exportierenden Mitglieder Zurückhaltung im Ausland?
Das Exportgeschäft wirkt als wichtiger Stabilisator. Rund 47 Prozent des Branchenumsatzes werden im Ausland erzielt. Bemerkenswert: Kunststoffverpackungs-Hersteller erzielen für ihre Exportware inzwischen stärkere Preissteigerungen als für ihre im Inland verkauften Produkte. Dies entlarvt primär die Schwäche der nationalen Binnennachfrage. Dies ist positiv für das Exportgeschäft, sofern die Absatzmengen stabil gehalten werden können. Während internationale Märkte die gestiegenen Herstellungskosten offenbar honorieren, wirkt der Preisdruck im Inland – verstärkt durch die anhaltende Konsumzurückhaltung und Konjunkturschwäche – als Deckel auf den Verkaufspreisen. Beides wird sich voraussichtlich 2026 verbessern.
Was erwarten Sie für den 12. August 2026 – sehen Sie die Branche auf die PPWR vorbereitet?
Die Mitgliedsunternehmen der IK haben in den vergangenen Jahren massiv in Recyclingfähigkeit, Rezyklateinsatz und Kreislaufkonzepte investiert; ein Großteil der haushaltsnahen Kunststoffverpackungen ist heute bereits recyclingfähig oder wiederverwendbar, und der Einsatz von Rezyklaten steigt deutlich. Diese Entwicklungen sind ausdrücklich durch die Einführung der PPWR und ihre Vorgaben zu Recyclingfähigkeit, Rezyklatquoten und Wiederverwendung mitangetrieben worden, sodass viele Unternehmen den Transformationspfad früh eingeschlagen haben. Für bestimmte Anwendungen – etwa Lebensmittelverpackungen mit hohen Barriere-Anforderungen oder Produkte ohne zugelassene Lebensmittelkontakt-Rezyklate – ist die technische und regulatorische Umsetzung deutlich anspruchsvoller und teilweise noch in Entwicklung.
SVI-Geschäftsführer Andreas Zopfi sagte während der „Empack 2026“, vor zwei Jahren habe wegen der Regulationsvorgaben der EU Totengräberstimmung geherrscht, in diesem Jahr sei das Thema fast gegessen. Das war auf die Schweiz gemünzt. Wie sehen Sie das für Deutschland?
Die Interpack 2026 in Düsseldorf wird sich als Gradmesser für die Stimmung, aber auch die Fortschritte in Richtung Kreislaufwirtschaft erweisen. Die Kunststoffverpackungs-Hersteller werden aktuell beflügelt durch die Aufholjagd in puncto Recycling. Die Recyclingquote für Kunststoffverpackungen im Gelben Sack hat mit knapp 71 Prozent gerade einen Rekordwert erzielt. Die Recyclingfähigkeit liegt bei über 80 Prozent. Keine Frage: Es bestehen noch eine ganze Reihe von Unsicherheiten bei der konkreten Umsetzung der PPWR, dennoch ist die Industrie getragen von ihrer großen Stärke – der Innovationskraft – überzeugt, die Herausforderungen zu meistern. Es wäre jedoch wünschenswert, dass die Politik diese Eigenschaften der überwiegend mittelständisch geprägten Unternehmen anerkennt und Abstand nimmt von einer zu kleinteiligen Regulierung, die Innovationen eher hemmt als befeuert.
Wo sieht die IK noch Handlungsbedarf?
Die geopolitischen Entwicklungen sind ein Stresstest für Lieferketten und zugleich ein Weckruf für resilientere Wertschöpfung. Für die Langfristperspektive geht es darum, die Rohstoffbasis breiter aufzustellen und stärker regional zu verankern. Obwohl wir während der Covid-19-Pandemie ähnliche Erkenntnisse gesammelt haben, ist es bisher nicht ausreichend gelungen, die Abhängigkeit von volatilen Primärrohstoffmärkten zu reduzieren. Rezyklate können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Ihre Wirkung entfaltet sich jedoch vor allem im strukturellen Wandel – nicht in der akuten Krisenbewältigung.
Was steht in der IK 2026 ganz oben auf der To-do-Liste?
Wir wollen das öffentliche Bild von Kunststoff weiter verändern. Verpackungen aus Kunststoff sind wesentlicher Teil einer klimaschonenden Lebensweise. Wir werden weiter unter Beweis stellen, dass unsere Industrie die Transformation zur Kreislaufwirtschaft als Geschäftsmodell der Zukunft engagiert vorantreibt. Dazu gehört auch, unsere Mitglieder fit für den Verpackungsmarkt unter der PPWR zu machen. Zum Beispiel widmen wir uns mit einem neuen Fomat dem Nachwuchs: Das Event Next Gen Plastics im Juni in Düsseldorf bringt Young Professionals zusammen, um auf Augenhöhe neue Lösungen zu entwickeln.
Anders gefragt: Was sind die größten Hindernisse, die Sie im Markt sehen?
Die größte Herausforderung ist 2026 bis 2030 die Stärkung des Rezyklatmarktes und das Sichern von Kapazitäten in passender Qualität. Hier wollen wir gezielt die Kundenbranchen aktivieren. Denn ohne Nachfrage wird auch das beste Rezyklat nicht zum Einsatz kommen. Es sind noch vier Jahre, bis die Quoten greifen. Die Infrastruktur wird allerdings jetzt aufgebaut – oder gar nicht. Ohne frühe Nachfrage gibt es keine Investitionen ins Recycling. Nur freiwillige Vorleistung stabilisiert Märkte und Preis.
Zum Schluss die Klischee-Frage: Wo sehen Sie die Branche in fünf Jahren?
Wir setzen Maßstäbe beim nachhaltigen Produktschutz – ressourcenschonend und mit innovativen Verpackungen aus recycelten oder erneuerbaren Rohstoffen. Verpackungen aus Kunststoff werden zukünftig als wesentlicher Teil einer klimaschonenden Lebensweise wertgeschätzt.
Das Gespräch führte Stefan Becker

