Teil 6: Wie geht es der Branche?

Interzero
„Wir müssen unsere Abfallströme nutzen“
Der Recyclingmarkt im Sinne der PPWR funktioniert nur, wenn die Regeln durchgesetzt werden. Dann hält Frank Kurrat von Interzero das Unternehmensziel „Zero Waste“ für annähernd erreichbar, wie er im Interview darlegt.
Person und Organisation Frank Kurrat ist Geschäftsführer der Interzero Recycling Alliance. Er arbeitet seit 1998 in – wie er selbst sagt – „vertrieblich geprägter Verantortung“ für das Unternehmen, das sich auf Rohstoff- kreisläufe, Kunststoffrecycling, Rücknahme- und Logistiksysteme spezialisiert. Der Konzern ist mit 35 Standorten in zehn Ländern vertreten und erzielte 2025 mit rund 2.000 Beschäftigten einen Umsatz von etwa einer Milliarde Euro.
Herr Kurrat, Interzero als Recyclingunternehmen müsste die PPWR begrüßen.
Ja, grundsätzlich blicken wir sehr positiv auf die PPWR. Deutschland hat schon sehr früh, nämlich 1991, mit der Verpackungs-Verordnung sehr klare und detaillierte Regeln festgelegt und ein Duales System ausgestaltet. Damit können wir uns hierzulande als Vorreiter betrachten. Und weil der deutsche Markt inzwischen wettbewerbsgetrieben funktioniert, während es in anderen Ländern Monopole gibt, ist er sehr innovativ. Unser Technik-Team arbeitet beständig an der Verbesserung der Sortierergebnisse – zum Beispiel für eine der modernsten Sortieranlagen Europas in Marl im Ruhrgebiet.
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Also alles Sonnenschein?
Nein. Wichtig ist, dass es beispielsweise durch die PPWR europaweit einheitliche Regelungen mit Planbarkeit für alle Beteiligten gibt. Zum Beispiel brauchen wir gleiche und faire Bedingungen für den Rohstoffhandel mit einer sauberen Dokumentation der Herkunft, die auch geprüft wird. Denn seit geraumer Zeit wird sehr günstige Kunststoff-Neuware unter anderem aus Fernost in die Märkte gespült. Das führt zu einem Ungleichgewicht, denn in Europa wollen wir Rezyklat. Es muss also sichergestellt werden, dass kein umgelabelter Rohstoff von irgendwo auf der Welt auf den europäischen Markt kommt und Rezyklate gefördert werden können. Derzeit ist das nicht sichergestellt.
Das klingt, als forderten Sie mehr Bürokratie.
Wir fordern keine Bürokratie, sondern Regeln und einen geregelten Umgang bezogen auf ihre Einhaltung. Das sind wesentliche Faktoren, egal in welchem Modell. Wir hätten in Deutschland keine funktionierende Kreislaufwirtschaft, wenn wir keine Regeln hätten. Die Fantasie dafür, wie sich Gesetze umgehen lassen, entwickelt sich überall sehr schnell – und die Zentrale Stelle Verpackungsregister gibt es ja auch, weil die Einhaltung der Regeln nicht funktioniert hat. Wenn wir uns darum nicht erneut kümmern, entsteht ein Marktungleichgewicht zwischen Europa und der Welt.
À propos: Die Zentrale Stelle Verpackungsregister beklagt, dass einige Recyclingquoten nicht eingehalten werden.
Wir schaffen es bereits, sehr hohe Anteile an Wertstoffen aus dem Abfallstrom herauszuholen. Dass das im Detail noch verbessert werden kann, daran arbeiten wir. Es gibt zu hohe Fehlwurfquoten und daher zu viele Nicht-Verpackungen in den jeweiligen Sammelbehältern. Wir registrieren zudem viel zu viele Verbundverpackungen. Ihre Zahl nimmt wider besseres Wissen zu, was auch am ungerechtfertigten Kunststoff-Bashing liegt. Die Industrie hat Verpackungen mit Papierhaptik entwickelt, die wahre Wunderwerke sind – aber des Marketings, nicht der Recyclingfähigkeit. Diese fest verbundenen Materialkombinationen landen heute überwiegend in der Verbrennung und nicht im Recycling. Das führt zu einem zu großen Anteil an Verpackungsabfällen, der heute nicht weiter nutzbar ist. Gemeinsam mit OMV errichten wir aktuell in Walldürn eine Anlage, die Mischkunststoffe erneut so sortiert, dass sie zur Grundlage für chemisches Recycling werden. Doch es muss auch ganz vorne im Prozess dafür gesorgt werden, dass der Input sich verbessert. Zum Beispiel durch mehr Monomaterialien und Design for Recycling. Die PPWR setzt dafür einen sauberen Rahmen.
Dass Verpackungsmüll exportiert wird, müsste Ihnen ein Dorn im Auge sein.
Der aktuelle Rückgang der europäischen Verwertungskapazitäten ist hinderlich. Der Aufbau der Recycling-Infrastruktur bedeutet gigantische Investitionen. Aber: Deutschland ist ein rohstoffarmes Land, unsere Rohstoffe liegen in unseren Abfallströmen – die müssen wir nutzen. Es gilt also, Investitionen in Europa abzusichern, dann stellt sich die Exportfrage auch nicht.
Was sagen Sie zum Erfolg asiatischer E-Commerce-Plattformen wie Temu? Kommen dadurch Verpackungsprobleme ins Land?
Auch für die Plattformbetreiber gelten bereits heute klare Regeln, die durch die PPWR weiter gestärkt werden. Auch hier haben sich klare Regeln und Kontrolle bereits bewährt. So ist es beispielsweise seit Einführung des Verpackungsgesetzes und der Schaffung der ZSVR zu einem signifikanten Anstieg der außereuropäischen Produzenten und Vertreiber gekommen. Unser Online-Shop jedenfalls, über den mehrheitlich eher kleine Mengen lizenziert werden, läuft auch deshalb sehr erfolgreich. Wir sehen ein großes Plus an Kunden, die vorher unter dem Radar flogen.
Interzero hat das Ziel „Zero Waste“ ausgegeben. Ist es wirklich realistisch anzunehmen, dass es irgendwann gar keinen Verpackungsmüll mehr gibt?
Das ist zugegebenermaßen ein sehr absolutes Ziel. Aber wir können uns diesem Ziel sehr stark nähern. Ob wir es zu 98 oder zu 99 Prozent erreichen, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, sich für jeden Stoffstrom Gedanken zu machen, wie eine Kreislaufführung ermöglicht werden kann. Es wäre zum Beispiel toll, wenn alle PET-Flaschen transparent wären. Aus transparenten Flaschen können Sie wieder Flaschen machen. Wenn farbiges PET in Outdoor-Kleidung geht, ist das kein Recycling und geht dem Stoffstrom für den Lebensmittelbereich verloren. Zero Waste meint im Übrigen zum Beispiel auch Elektrogeräte und Dämmstoffe; Verpackungen sind nur ein kleiner Teilstrom. Nur wenn wir uns auf den Weg machen, werden wir uns dem Ziel nähern können.
Das Gespräch führte Stefan Becker

