Kreislauffähige Verpackungen und digitale Lösungen im Fokus

Innovationskraft und Zukunftspotenzial nachweisen

Auf der Interpack 2026 in Düsseldorf zeigt der VDMA gemeinsam mit Kooperations­partnern aus Wissenschaft, Forschung und Industrie innovative Lösungen für eine nachhaltige, effiziente und digitalisierte Verpackungs­industrie. Judith Binzer, Referentin für Verpackungs­maschinen, Technik und Forschung im VDMA, sprach mit dem packREPORT im Vorfeld der Messe über die größten Herausforderungen des Verpackungsmaschinenbaus und die Hot Topics der Interpack.

Bild: VDMA

In der Technologie-Lounge des VDMA in Halle 4, Stand C54, stehen die drei Leitthemen der Messe „Smart Manufacturing“, „Innovative Materials“ und „Future Skills“ im Mittelpunkt. Gezeigt werden PPWR-konforme und kreislauffähige Verpackungskonzepte, Technologien zur sicheren Verarbeitung von Rezyklaten, digitale Tools für Wissensmanagement und Qualitätsprüfung sowie Lösungen für Qualifizierung und Markenschutz. Ergänzt wird dies durch einen Lern- und Recyclingpfad sowie Workshops zur Kreislaufwirtschaft.

Frau Binzer, die Interpack steht vor der Tür. Wie kann die deutsche Verpackungsindustrie im internationalen Wettbewerb punkten?

Judith Binzer: Der deutsche Verpackungsmaschinenbau punktet mit Qualität, Sicherheit, Hygiene, Effizienz und nachhaltiger Ressourcennutzung. Ergänzt oder ermöglicht wird das zunehmend durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, etwa zur Prozessüberwachung, vorausschauenden Wartung, Optimierung von Energie und Materialeinsatz oder zur Steigerung der Anlagenverfügbarkeit. Verpackungsmaschinen „Made in Germany“ zeichnen sich durch eine hohe Flexibilität für schnelle Format- und Produktwechsel sowie durch intelligente, datenbasierte Service- und Steuerungskonzepte aus – für sichere Lebensmittel, weniger Verbrauch und maximale Performance über den gesamten Lebenszyklus.

Ihr Verband hat eine Rekordnachfrage nach Maschinen für die Lebensmittelverarbeitung und -verpackung vermeldet. Heißt das, dass die Nachfrage nach verpackten Lebensmitteln auf einem hohen Niveau weiter steigen wird?

Binzer: Ja. Wir haben ein anhaltendes Wachstum der Weltbevölkerung, eine zunehmende Urbanisierung, höhere Beschäftigungsquoten, steigende Einkommen und Veränderungen im Konsumverhalten. Das sind alles Faktoren, die die weltweite Nachfrage nach verpackten Lebensmitteln weiter antreiben. Das zeigen auch die Prognosen des Marktforschungsinstitutes Euromonitor International. Danach steigt der weltweite Absatz von verpackten Lebensmitteln zwischen 2024 und 2029 um 11 Prozent auf 968 Mio. Tonnen im Jahr.

Was sind die drei wichtigsten Lieferländer für Lebensmittelverarbeitungs- und Verpackungsmaschinen innerhalb Europas und außerhalb Europas?

Binzer: Weltweit sind Italien und Deutschland mit einem Exportwert von 10,6 Mrd. Euro im Jahr 2024 die beiden wichtigsten Lieferländer von Nahrungsmittelmaschinen und Verpackungsmaschinen. Mit einem Anteil von jeweils knapp 20 Prozent im Jahr 2024 sind sie Weltmarktführer. Drittwichtigstes Land ist mit Abstand China (Exporte im Wert von 6,6 Mrd. Euro). Auch innerhalb der EU sind Italien und Deutschland mit einem Exportwert von 3,9 bzw. 3,7 Mrd. Euro im Jahr 2024 die beiden wichtigsten Lieferländer, gefolgt mit Abstand von den Niederlanden (1,7 Mrd. Euro).

Was sind die größten Herausforderungen der Lebensmittelverarbeitung und des Verpackungsmaschinenbaus?

Binzer: Auch wenn die weltweite Verpackungs- und Verarbeitungsindustrie einer der dynamischsten Wachstumssektoren ist, steht die Branche vor großen Herausforderungen. Die Unternehmen kämpfen mit einem starken Wettbewerb, mit Preisdruck, komplexer Regulierung, unsicheren Lieferketten, teuren Rohstoffen, Fachkräftemangel, hohem Innovationsdruck und geopolitischen Risiken, wie zuletzt dem Irankrieg.

Ein Hot Topic auf der interpack ist Design for Recycling. Bereits in den 1990er-Jahren wurde in den von dem deutschen Chemiker Michael Braungart Cradle to Cradle (C2C) ins Leben gerufen. Über 30 Jahre später nimmt das Thema erst wieder Fahrt auf. Wie ist das zu bewerten?

Binzer: Das „Design for Recycling“ in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen hat, zeigt weniger eine Neuentdeckung als vielmehr eine Verschiebung von der konzeptionellen Debatte hin zur industriellen Umsetzung. Mit „Cradle to Cradle“ hat Michael Braungart bereits in den 1990er‑Jahren ein Leitbild formuliert, das seiner Zeit voraus war. Lange fehlten jedoch die regulatorischen, wirtschaftlichen und technologischen Rahmenbedingungen, um diese Prinzipien flächendeckend in der Verpackungspraxis umzusetzen. Heute ist die Situation eine andere. Regulatorischer Druck, etwa durch europäische Vorgaben wie die PPWR, steigende Rohstoffpreise sowie ein verändertes Konsumentenbewusstsein geben dem Thema neue Dynamik. Gleichzeitig sind Material‑, Verarbeitungs- und Sortiertechnologien deutlich weiterentwickelt, sodass recyclinggerechtes Design nicht mehr nur ein ökologisches Ideal, sondern ein technisch realisierbares und wirtschaftlich relevantes Ziel ist.

Ein weiteres Hot Topic ist Smart Manufacturing. Verpackungsmaschinen sind auf eine lange Lebensdauer ausgelegt, was heißt, dass es viele sog. Brownfield-Anlagen gibt, die nur schwerlich zu digitalisieren sind. Wie ist dies nach Meinung des VDMA zu realisieren?

Binzer: Aus Sicht des VDMA ist Smart Manufacturing auch bei Brownfield‑Anlagen realisierbar – jedoch schrittweise und nutzwertorientiert. Verpackungsmaschinen sind auf lange Lebensdauern ausgelegt; ein kompletter Austausch zugunsten neuer digitaler Anlagen ist weder wirtschaftlich noch nachhaltig. Der Verpackungsmaschinenbau setzt deshalb auf modulare Retrofit‑Konzepte statt auf vollständigen Ersatz. Bestehende Maschinen können über Sensorik, standardisierte Schnittstellen und offene Standards wie OPC UA schrittweise digital angebunden werden, um relevante Betriebs‑, Energie‑ oder Zustandsdaten zu erfassen. Entscheidend ist dabei nicht maximale Digitalisierung, sondern konkreter Mehrwert, etwa höhere Anlagenverfügbarkeit, vorausschauende Wartung oder geringere Energie‑ und Stillstandskosten. Smart Manufacturing ist also kein alles-oder‑nichts‑Projekt, sondern ein evolutionärer Prozess. Erfolgreich ist er dann, wenn Digitalisierung technologische Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit und den tatsächlichen Bedarf der Betreiber zusammenbringt.

Abschließend: Welche Impulse erwarten sie von den deutschen Ausstellern auf der Interpack?

Binzer: Die Interpack ist der Ort, an dem die Branche voller Energie und Innovationskraft ihr enormes Zukunftspotenzial zeigt. Ich sehe der Interpack mit positiven Erwartungen entgegen: einer angenehmen Atmosphäre, einer hohen Auslastung der Messestände, erfolgreichen Geschäftsabschlüssen und dem Wiedersehen der Community. Einen Einblick in innovative Technologien und Lösungen finden sie auch in der VDMA Technologie Lounge.

Alle Infos zum VDMA auf der interpack: www.vdma.eu/interpack Interview von Harald Wollstadt