Kunststoffrecycling
Alarmruf aus Frankreich
Polyvia, der französische Verband der Kunststoff- und Verbundwerkstoff-Industrie, sieht dringenden Handlungsbedarf zur Erhöhung der Sammelquoten und der Rezyklat-Nachfrage – eine Diskussion, die deutsche Recycler nur zu gut kennen. Der packREPORT dokumentiert die ausführliche Analyse des Verbands in Auszügen.
In Europa sind innerhalb von drei Jahren fast eine Million Tonnen Recyclingkapazitäten weggefallen. In Frankreich, das lange Zeit widerstandsfähiger war, hat sich dieser Trend im Jahr 2025 mit der Schließung von mindestens sechs Aufbereitungsanlagen und der Verschiebung mehrerer Industrieprojekte beschleunigt. Es geht mittlerweile um mehr als nur um Umweltfragen: Es handelt sich auch um eine zentrale Herausforderung für die industrielle Souveränität und die Wettbewerbsfähigkeit Europas.
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Recyclingkapazitäten mehr als verdoppelt
Die Situation ist umso besorgniserregender, als die Branche in den vergangenen Jahren erheblich investiert hat. Von 2018 bis 2023 haben sich die Recyclingkapazitäten in Europa mehr als verdoppelt, was Investitionen in Höhe von 5,5 bis 6,5 Milliarden Euro entspricht. In Frankreich sind die Kapazitäten von 2023 bis 2024 um weitere rund zehn Prozent gestiegen.
Trotz dieser Investitionen hat die Dynamik inzwischen deutlich nachgelassen. Seit 2022 stagnieren die europäischen Kapazitäten, und mehrere wegweisende Industrieprojekte wurden verschoben oder aufgegeben. Nach Angaben der Europäischen Investitionsbank fehlen noch zusätzliche Investitionen in Höhe von 6,7 bis 8,6 Milliarden Euro, um die europäischen Ziele für das Recycling von Kunststoffen zu erreichen. Gleichzeitig schwächen mehrere Faktoren das Modell: der Preisrückgang für Neuplastik auf den Weltmärkten seit 2023; die zunehmende Verfügbarkeit kostengünstiger Recyclingmaterialien auf dem europäischen Markt; höhere Industriekosten in Europa; ein verschärfter internationaler Wettbewerb. Die Betriebskosten einer Recyclinganlage können in Europa dreimal so hoch liegen wie in China und bis zu fünfmal so hoch wie in Vietnam.
Für die Kunststoffindustrie ist die Herausforderung somit klar: Es gilt, die industriellen Recyclingkapazitäten in Europa zu erhalten, um eine echte Rohstoffsouveränität zu gewährleisten. Dies setzt nicht nur voraus, die Nachfrage nach recycelten Kunststoffen anzukurbeln, sondern auch wieder gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen angesichts des Drucks durch Neuware, deren Preise derzeit die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Recyclingunternehmen erheblich beeinträchtigen.
In Frankreich werden heute etwa 25 Prozent der Kunststoffverpackungen recycelt. Eine der größten Herausforderungen liegt in der Sammlung und der Qualität der Sortierung. Die öffentliche Debatte in Frankreich hat sich in den vergangenen Jahren allerdings weitgehend auf das Pfand für das Recycling von Flaschen konzentriert.
In Frankreich gibt es bereits eine gemeinsame Grundlage an Hebeln; es muss jedoch noch die unverzichtbare Dynamik der Zusammenarbeit geschaffen werden. Alle Beteiligten – Kommunen, Umweltverbände, Verarbeiter, Recyclingunternehmen, die ADEME [Agentur für Umwelt und Energie] und Verbände – sind sich einig, dass es eine Reihe gemeinsamer Ansatzpunkte gibt, um das Recycling von Kunststoffverpackungen zu verbessern.
Sechs gemeinsame Ansatzpunkte
Dieser Konsens umfasst sechs Schwerpunkte: die Verbesserung der getrennten Sammlung, die Intensivierung der Kommunikation und der Sensibilisierung für die Mülltrennung, den Ausbau der Mülltrennung außerhalb der Haushalte und im öffentlichen Raum, die Optimierung der Sortieranlagen und der Nachsortierung, die Einführung von Anreizpreisen sowie schließlich die Reduzierung von Verpackungen und das Ökodesign.
Heute sind etwa 80 Prozent der Kunststoffverpackungen aus dem Haushalt recycelbar, davon 65 Prozent über bestehende und 15 Prozent über im Aufbau befindliche Verwertungswege. Für die restlichen 20 Prozent gibt es in Frankreich noch keinen anerkannten industriellen Recyclingweg. Ökodesign ist ein entscheidender Hebel zur Verringerung dieses nicht recycelbaren Anteils.
Nach Ansicht des Verbandes verfügt Frankreich bereits über eine solide Grundlage: zuverlässige Daten zur Recyclingleistung, Hebel entlang der gesamten Wertschöpfungskette, bewährte europäische Modelle, eine Industrie, die bereit ist, sich zu engagieren. „Es geht nun nicht mehr darum, nach Lösungen zu suchen, sondern gemeinsam die Voraussetzungen zu schaffen, um diese umzusetzen. Was heute vor allem fehlt, ist ein gemeinsamer Rahmen, der es ermöglicht, diese Hebel koordiniert in Gang zu setzen“, erklärt Caroline Chaussard, CSR-Leiterin bei Polyvia.
In diesem Zusammenhang verfolgt Polyvia zwei Prioritäten. Erstens die Sammlung von Abfällen, deren Steuerung und kontinuierliche Verbesserung. Zweitens die Schaffung einer strukturierten Nachfrage nach recycelten Rohstoffen. Ohne klare, stabile und wirtschaftlich tragfähige Absatzmärkte können die Investitionen nicht in einem Umfang getätigt werden, der den Herausforderungen gerecht wird. (pR)

