Von der PPWR bis Recycling-Kapazitäten

Was die Branche umtreibt - 2026 und darüber hinaus

Die Verpackungsindustrie befindet sich im Umbruch. Im Kontext der ­Fachpack 2025 rückt vor allem ein Thema in den Fokus: der Wandel der Branche hin zu einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft. Themen wie Wiederaufbereitung, Recy­cling und der Einsatz von Kunststoffrezyklaten beschäftigen alle Beteiligten der Wertschöpfungskette. Unter dem Leitbild „Circular by Design“ zeigt das Unter­nehmen Schütz, wie sich Nachhaltigkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit in Industrieverpackungen vereinen lassen.

Es bleibt schwierig. „Wir erleben eine unglaublich herausfordernde Zeit für die Verpackungsbranche in Deutschland und Europa“, sagt Natalie Brandenburg, Geschäftsführerin des Deutschen Verpackungsinstituts (DVI). Die Querschnittsbranche, die Packstoffe, Maschinenbau und Recycling berührt, kämpft mit einer Lage, die sich ohne Weiteres als Multikrise bezeichnen lässt.

Foto: Andre Wagenzik

1 - Die PPWR bleibt noch lange vage

Die Branche begrüßt die europäische Verpackungsverordnung PPWR grundsätzlich. „Die PPWR ist eine enorme regulatorische Umstellung mit neuen Logiken. Sie betrifft die ganze Value Chain und lässt fast nichts unberührt“, sagt Brandenburg. „Aber die übergeordneten Ziele werden von der Branche unterstützt.“ Mit der PPWR „wurde organisatorische Klarheit geschaffen und der Weg für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft geebnet“, sagt Thorsten Seehars, CEO der Südpack Gruppe. Genauso wie Umfang und Komplexität. Gleich nach den Präambeln stehen 71 Definitionen, mehrere Unterpunkte nicht mitgerechnet.

„Wer das liest, versteht erst einmal überhaupt nichts – man muss mit den Aufgaben in den Kapiteln II bis VII anfangen“, sagt Martin Rothermel, auf Lieferketten spezialisierter promovierter Anwalt und Partner der Kanzlei Taylor Wessing. „Unsere Spezialisten übersetzen uns die Regelungen in eine verständliche Sprache“, sagt auch Milos Kojic, Leiter B2B-Marketing beim Haftmaterial-Spezialisten Herma. „Und es ist trotzdem komplex.“ Beispielsweise, wer als Hersteller gilt. „Es gibt sehr viel unpräzise Information zum Herstellerbegriff der PPWR“, seufzt Gunda Rachut, Vorstand der Zentralen Stelle Verpackungsregister (ZSVR).

„Die EU wird dazu ein Guideline-Dokument herausgeben.“ Erste Leaks kursieren seit Ende Januar, bis Redaktionsschluss lag es noch nicht offiziell vor. Klar ist, dass am 12. August bestimmte Berichtspflichten in Kraft treten, vor allem in der Form von Konformitätserklärungen. „Die Datenverfügbarkeit in den Unternehmen ist allerdings ein kritischer Faktor“, sagt Natalie Brandenburg vom DVI. „Der Umfang der bislang üblichen technischen Dokumentation deckt nur einen kleinen Teil dessen ab, was für Konformitätserklärungen notwendig ist. Zudem besteht bei der Digitalisierung der Lieferkette weiterhin deutlicher Handlungsbedarf.“

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2 - Das VerpackDG als verpasste Chance

Die Bundesregierung ist in der Pflicht, die PPWR in deutsches Recht umzusetzen. Der Gesetzentwurf für das Verpackungsdurchführungsgesetz (VerpackDG), der Mitte Februar das Kabinett passierte, hält sich nach Einschätzung der Branche eng an die Europa-Vorgaben. Aufsehen erregte allerdings das Kapitel 4 des Referentenentwurfs, das in fünf Paragraphen die Gründung einer „Organisation für Reduzierungs- und Vermeidungsmaßnahmen“ vorsah – das Kapitel tauchte nämlich im Gesetzentwurf nicht mehr auf. Zuvor hatte es heftige Kritik an einer weiteren Organisation gegeben, die von den Beteiligten der Branche zu finanzieren gewesen wäre. Dass sie gestrichen wurde, sieht beispielsweise das DVI als Beleg dafür, dass „Anpassungen im politischen Prozess möglich sind“.

Foto: IK

Foto: BDE

Damit ist das VerpackDG jedoch nicht aus der Kritik – im Gegenteil. „Die Reform der Ökomodulierung, also eines Design for Recycling, wurde zum wiederholten Mal nicht aufgegriffen“, kritisiert Mara Hancker, Geschäftsführerin Kommunikation der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK). Das sei und bleibe der Hebel zur Förderung gut recyclingfähiger Verpackungen. „In seiner jetzigen Ausgestaltung kann der Mindeststandard keine Wirkung entfalten. Wir halten es für falsch, auf die PPWR und ihre Leitlinien zu verweisen. Dadurch verlieren wir unnötig Zeit.“ Auch der BDE (Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft) bewertet das VerpackDG „in wesentlichen Punkten äußerst kritisch“. Es berücksichtige weder die schwierige Lage der Recyclingunternehmen noch die höheren Preise für Rezyklate im Vergleich zu Neuware.

3 - Der schwierige Markt der Rezyklate

Die PPWR sieht vor, dass von 2030 an nur noch Verpackungen der Leistungsstufen A, B und C (mehr als 95, mehr als 80, mehr als 70 Prozent Rezyklatanteil) in Umlauf gebracht werden, von 2038 an nur noch die Stufen A und B. Dazu braucht es nicht nur eine umfassende Sammlung von Verpackungs­abfällen, sondern auch ihre Sortierung, ihre Aufbereitung – und Abnehmer für die Rezyklate. Das Sammeln und Aufbereiten stellen nicht die großen Probleme: „Die Recyclingquoten sind stabil“, sagt Gunda Rachut von der ZSVR zu den jüngsten Zahlen, denen des Jahres 2024. „Im Jahr 2024 wurden erneut rund 5,5 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle aus der Sammlung der dualen Systeme verwertet.“ Fünf von acht Recyclingquoten seien erreicht, teilweise auch übererfüllt worden. „Erstmals gelangen mehr als 70 Prozent der system­beteiligten Kunststoff­verpackungen in eine werk­stoffliche Verwertung“, fügte Bettina Rechenberg hinzu, Fachbereichsleiterin beim Umweltbundesamt. Allerdings wurden 2024 die Quoten weder für Glas- noch für Getränke­­karton- und sonstige Verbundverpackungen erreicht. Dahinter stünden zwei Gründe: Es gebe nicht genug Stellplätze für Altglas-Container und daher auch nicht genug Altglas. Und die Verwertungskapazitäten seien zurückgegangen – in den vergangenen Jahren hätten viele Glas- und Papierrecycler schlicht zugemacht. „Ganz viele Anlagen melden, dass es schwieriger wird, im Markt zu bestehen“, fasst Rachut zusammen. „Wir können von einer Krise des Verwertungsgeschäfts in ganz Europa sprechen.“ Frank Kurrat, Geschäftsführer der Interzero Recycling Alliance, weiß, woran das liegt: „Seit geraumer Zeit wird sehr günstige Neuware unter anderem aus Fernost auf den europäischen Markt gespült“, sagt er. „Das macht Rezyklate deutlich teurer als Neuware aus Asien.“ Er fordert daher „gezielte ökonomische Anreize zur Stabi­lisierung und Schaffung von europäischen Recycling­kapazitäten und Absatzmärkten“. Ohne Recycler kein Recycling – die IK nennt die Entwick­lung „eine Katastrophe“, der BDE „marktverwerfend“: „Ohne wirksame Investitionsanreize und Planungs­sicherheit droht ein struktureller Rückbau der Recycling­infrastruktur“, sagt Andreas Bruckschen, stellvertreten­der Hauptgeschäftsführer des BDE. Für Glas etwa seien die Verwertungskapazitäten massiv zurückgegangen, weil viele Glaswannen geschlossen werden. Marktwirksame Anreizmechanismen aber fehlten im VerpackDG. Genauso wenig sehe der Gesetzentwurf Anreize für Rezyklate vor, wie es sie anderswo in der EU bereits gebe. „Marktbasierte Bonus-Malus-Modelle oder vergleichbare Steuerungs­instrumente sind praktikabel und europarechtskonform umsetzbar“, so der BDE-Vize. Ohne eine Stärkung der Nachfrage nach Rezyklaten auch in Deutschland bleibe die ambitionierteste Recyclingquote wirkungslos.

4 - Überhaupt, der Markt

Zur Marktlage gibt es ganz unterschiedliche Aussagen – je nachdem, wer gefragt wird.

Die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung sieht für die nächsten fünf Jahre tendenziell einen Rückgang, was Verpackungsmengen angeht (siehe Grafik). Dahinter steht der verhaltene private Konsum – und der schlägt auf alle Bereiche durch. Allerdings unterschiedlich stark. Das gilt für Verpackungen: Der Konsum „begrenzt den Bedarf an Standardverpackungen im Massenmarkt“, sagt Mara Hancker von der IK. „Gleichzeitig bleiben Qualitäts-, Gesundheits- und Convenience-Trends stark. Davon profitieren Segmente wie Becher, Dosen, Kisten, Steigen und Paletten.“ Und das gilt für Maschinen: „Das Segment Hygiene lief sehr gut, der Molkereibereich hat eine große Investitionswelle, in der Kosmetik ist es ruhig“, fasst Stefan König zusammen, CEO des Maschinenherstellers Optima. Trendprodukte wie Abnehm-Medikamente hätten zu einigen Großprojekten geführt.

Das Problem der Zölle „Die US-Zölle sind das eine“, sagt Michael Wöhrmann, Director Business Development beim Drucksystem-Spezialisten Leibinger. „Das Sprunghafte ist fast schlimmer.“ Das führe zu großen Unsicherheiten in Märkten wie Mexiko und Kanada. „Unsicherheit hat Auswirkungen bis in die Geschäftsmodelle“, so Optima-Chef Stefan König. „Denn wenn die Zölle unklar sind, gilt das auch für die Margen – und es fragt sich jedes Unter­nehmen, ob sich die Investition für ein Geschäft in den USA wirklich rechnet. Es führt dann auf jeden Fall zu verzögerten Investitionen.“ Die Branche begrüßt daher Freihandels­abkommen wie die jüngsten mit den Mercosur-Staaten (Südamerika) und Indien – besonders Indien mit seiner wachsenden Bevölkerung gilt als attraktiver Zielmarkt. Allerdings – wie gleich mehrere Unter­nehmen sagen: „Neue Wirtschaftsunionen sind nicht zügig umzusetzen.“

„Daher hören Sie Einschätzungen von ,Best year ever‘ bis ,Personalabbau‘.“ Optima selbst habe viele Einmal-Projekte akquiriert, „sodass die gegenwärtige Lage auf Normalisierung hinausläuft“. Auch im Verhältnis zum Ausland gibt es Verschiebungen. Laut IK werden rund 47 Prozent des Umsatzes mit Kunststoffverpackungen im Ausland erzielt – und dort könnten die Hersteller von Kunststoffverpackungen inzwischen stärkere Preissteigerungen erzielen als für ihre im Inland verkauften Produkte, so Geschäftsführerin Hancker. „Das entlarvt primär die Schwäche der nationalen Binnennachfrage.“ Gleichzeitig spüren Verpackungsmittel-Anbieter neuen Wettbewerb. „Wir bekommen es mit Anbietern aus Asien zu tun“, sagt Milos Kojic vom Haftmaterial-Spezialisten Herma. „Sie haben Überkapazitäten und sehen Europa als attraktiven Markt.

Quelle: Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung, Ergebnisse des AVU-Verpackungsmonitors 2025

Ihre Preise sind extrem niedrig, da fragen wir uns schon, wie das kalkuliert wird.“ Mit austauschbaren Standardprodukten sei daher kein Geld mehr zu verdienen – Herma sieht sich in seiner Strategie bestätigt, über Innovation und Qualität statt über den Preis zu verkaufen. Und Asien ist auch eine Chance. „Insgesamt sehen wir eine Seitwärtsbewegung“, sagt Optima-CEO Stefan König. „Es gibt viele Unsicherheiten aus den USA. Trotzdem wächst der Markt für Verpackungsmaschinen.“ Das gelte vor allem für Asien – und dort seien in erster Linie günstige Lösungen gefragt, während deutsche Anbieter eher auf High-End setzen. „Jeder muss schauen, wieviel er vom asiatischen Kuchen abbekommt.“

5 - Das Positive kommt noch

„Die PPWR geht ja gerade erst richtig los“, sagt Optima-Chef Stefan König. Er sieht eine große Zukunft in faserbasierten Verpackungen und kündigt für die Interpack neue Maschinen dafür an. „Die Zeit ist reif, Kunststoffe durch Fasern zu ersetzen.“ Auch Milos Kojic von Herma sieht für die kommenden Jahre große Chancen: „Etiketten werden dazu beitragen, Verpackungen nachhaltiger zu gestalten“, sagt er. Dann nämlich, wenn leicht abwaschbare Etiketten dazu beitragen, Fremdstoffe von der eigentlichen Verpackung fernzuhalten – so dass aus reinem Monomaterial ein reines Rezyklat werden kann. Und Natalie Brandenburg vom DVI ist von der Innovationskraft der Industrie überzeugt: „Die Branche hat ganz viel Power. Es ist beeindruckend, was die Unternehmen leisten.“ Und zieht Vertrauen aus der Historie: „Mit der Verpackungsverordnung, die 1991 in Kraft trat, hat die Branche schon einmal eine große Veränderung erfolgreich bewältigt.“

Autor: Stefan Becker