
Till Isensee und Liane Miller
TILISCOs Kolumne
„Erzeuger-Sein oder nicht Sein?“
Der Handel liebt seine Eigenmarken. Und das aus gutem Grund: maximale Marge, maximale Kontrolle, maximale Austauschbarkeit der Lieferanten. Nur bei einem Punkt scheint diese Liebe abrupt zu enden – bei der Verantwortung.
Unlängst war in der Lebensmittelzeitung zu lesen, dass die neue Verpackungsverordnung den Handel „in die Bredouille“ bringe. Konkret fordert der Handelsverband Deutschland (HDE) von der EU-Kommission eine Klarstellung: Private-Label-Inverkehrbringer liefen Gefahr, als „Erzeuger“ im Sinne der PPWR zu gelten – mit allen Konsequenzen.
Das sei kaum leistbar, denn: man habe ja keine Detailkenntnis der Verpackungsherstellung.
Das ist bemerkenswert. Denn dieselben Eigenmarken definieren heute exakt, welches Material, welchen Recyclatanteil, welche Farbe, welche Bedruckung, welche Recyclingfähigkeit und welche Kostenstruktur für seine Eigenmarken zulässig sind.
Und Lieferanten? Die liefern – oder sie liefern nicht mehr.
Wer das nicht kennt, hat noch nie eine Eigenmarkenausschreibung gesehen. Aber plötzlich, wenn Regulierung greift, soll all dieses Wissen verschwunden sein. Verdunstet zwischen Einkaufsrunde und Qualitätsaudit.
Das Problem ist nicht, dass der Handel überfordert wäre. Das Problem ist, dass Verantwortung unattraktiv ist. Verantwortung bedeutet, Kennzeichnung ändern. Daten einfordern. Konformitäten strukturieren. Prozesse aufsetzen.
Kurz: das tun, was der Handel seit Jahren von seinen Lieferanten verlangt. Stattdessen versucht man nun, sich elegant aus der Affäre zu ziehen. Doch das funktioniert nur auf dem Papier. In der Praxis entsteht ein Vakuum: Wenn der Handel nicht Erzeuger sein will, der Lieferant aber formal keiner ist – wer ist es dann? Und genau hier wird es gefährlich. Denn die PPWR fragt nicht nach Befindlichkeiten. Sie fragt nach Zuständigkeiten. Und Behörden interessieren sich nicht für Verbandsstatements, sondern für Namen auf Verpackungen. Die jahrelange EU-Praxis aus Verschieben, Verwaschen und Verwässern hat viele Marktteilnehmer in eine komfortable Wartehaltung gebracht. Man glaubt, es werde schon noch etwas kommen. Ein Omnibus. Eine Klarstellung. Eine Ausnahme. Jahrelang hat auch genau dieses Prinzip funktioniert. Wer wartet, gewinnt. Oder zumindest verliert er nicht sofort. Aber was, wenn diesmal kein Bus kommt? Dann steht der Handel bald allein an der Haltestelle. Mit perfekt abgestimmtem Sortiment. Aber ohne gültige Konformität.