Recruiting

Mehr Engagement, bitte

Holen gute Leute aus Deutschland in die Schweiz: Lisa Kurth und Rolf Eicher von Jobtalente. Fotocredit: Jobtalente

Der Fachkräftemangel erschwert das Recruiting massiv, auch in der Verpackungsbranche. Es gibt viele Gründe, die Lösung aber sehen alle Experten in den Verpackungsunternehmen selbst.

Lisa Kurth sagt einen Satz, den Schweizer nicht gern hören. «Ohne die Deutschen könnten wir einpacken», so die Head of Operations der auf Verpackung und Druckmedien spezialisierten Recruiting-Agentur Jobtalente aus Lenzburg.

Sie besetzt einen Grossteil der offenen Jobs in der Schweizer Verpackungsindustrie mit Absolventen zum Beispiel von der Hochschule der Medien in Stuttgart, der Hochschule Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig und der Hochschule für Technik in Berlin. Für Verpackungsentwickler nennt sie einen Anteil von 30 Prozent Deutsche mit Bachelor-Hintergrund. «Mir tut die deutsche Branche leid», fügt sie halb im Scherz hinzu. «Sie bilden gute Leute aus, und die kommen dann zu uns.»

Dass Deutsche in die Schweiz wollen, ist ein Jahrzehnte alter Trend. «Immer mehr hochqualifizierte deutsche Staatsbürger arbeiten im Ausland. Dabei hat die Schweiz die USA als Hauptzielland abgelöst», schrieb Silvia Simon, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur – im Jahr 2011.

Und der Bundesrat fördert das ja auch, aus drei wohlbekannten Gründen: «Angesichts der demografischen Alterung, gepaart mit einer tiefen Geburtenrate, und des hohen Bedarfs an Fachkräften ist die Zuwanderung in den Arbeitsmarkt für den Wohlstand und die wirtschaftliche Stabilität der Schweiz von grundlegender Bedeutung», heisst es in einer seiner Pressemitteilungen vom November 2025. Die «KMU-Arbeitsmarktstudie» von Axa flankierte das Anfang Juli: «Der Anteil der [Schweizer] Produktionsbetriebe mit Rekrutierungsproblemen ist seit 2022 von 45 auf 65 Prozent gestiegen – trotz gleichzeitig steigender Arbeitslosigkeit.» Die Boomer gehen in Rente, die Ausländer gewinnen an Bedeutung. Auch in der Verpackung.

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Schliessung von Ausbildung als Teil des Problems

Lisa Kurth und ihr Chef, Jobtalente-CEO Rolf Eicher, sehen das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil ihre Kunden zufrieden sind mit den Leuten aus dem Norden. Weinend, weil sie der Meinung sind, die Entwicklungen in der Branche selbst trügen ihren Teil zur Verschärfung des Problems bei.

Dazu zähle die Schliessung von Ausbildungsgängen. Zum Beispiel ging das Ingenieurstudium für Druck- und Verpackungstechnik der früheren Schweizerischen Ingenieurschule für Druck und Verpackung in Lausanne in der HEIG-VD auf, der Haute École d'Ingénierie et de Gestion du Canton de Vaud in Yverdon-les-Bains. Und es entstand auch der Eindruck, die Weiterbildung zur Betriebsfachfrau/zum Betriebsfachmann Druck und Verpackungstechnologie an der Schule für Gestaltung Zürich (SFGZ) würde eingestellt.

Wurde er auch fast. «Ich wollte aufhören», sagt Daniel Brunner, Lehrgangsleiter an der SFGZ. Noch vor 15 Jahren habe sein anderthalbjähriges Studium mehr als 20 Teilnehmer gehabt, das habe schrittweise abgenommen. Für den gegenwärtigen Jahrgang, der seit August läuft, hätten sich aber wieder 14 junge und auch ältere Leute angemeldet, auch aufgrund einiger Gespräche mit Geschäftsleitungen. «Darum habe ich mich entschieden weiterzumachen», sagt Brunner und hofft, in anderthalb Jahren die nächste Runde in Sachen Druck und Verpackung auflegen zu können.

Die Schwesterstudiengänge «Betriebsfachleute Druck und Verpackungstechnologie EFA» in Bern und St. Gallen gebe es mangels Nachfrage seit mehreren Jahren nicht mehr. Neuere Weiterbildungsformate mit innovativen Konzepten, entwickelt an anderen Bildungsinstitutionen, hätten aus demselben Grund eingestellt werden müssen.

Unverändert mit Erfolg laufen allerdings an der Schule für Gestaltung Aargau in Aarau die berufsbegleitende, vierjährige Berufsfachschul-Ausbildung «Verpackungstechnologie», die zum Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis führt, und der dreisemestrige Lehrgang «Betriebsfachfrau/Betriebsfachmann Druck- und Verpackungstechnologie» mit dem Eidgenössischen Fachausweis als Ergebnis. Brunner selbst hat in Aarau den siebenwöchigen Kurs «New Age Leadership im Zeitalter von KI und Gen Z» initiiert, für den unter anderem Manager von Kromer Print, Pawi Group und Heidelberg Schweiz lehren.

Mangelnde Bereitschaft zur Weiterbildung

Eicher und Kurth wollen den Schulen keinen Vorwurf machen. Eicher, der sich im Schweizer Verpackungs-Institut und mehreren anderen Stätten für die Weiterbildung engagiert, sieht sehr wohl die schwache Nachfrage, mit der die Anbieter zu kämpfen haben: «Wir merken ganz deutlich, dass die Leute nicht bereit sind, sich weiterzubilden», sagt er. «Wir sehen überall schwach besetzte Lehrgänge. Vor zehn Jahren zählte ein Kurs 15 bis 20 Teilnehmer, heute ist es die Hälfte.» Sogar in der Grundbildung lasse das Interesse nach. «Das hat extreme Auswirkungen auf die Zahl der Fachkräfte.»

Und auch hier will Eicher keinen Vorwurf machen, diesmal den Schülerinnen und Schülern. «Die Unternehmen der Branche sind nicht mehr bereit, Weiterbildungen zu finanzieren», sagt er. «Da beisst sich die Katze in den Schwanz.» Auch Daniel Brunner sieht die Lücke: «Die Medienbranche ist träge geworden», sagt er. «Überall herrscht Fachkräftemangel, aber in die Ausbildung wird nicht investiert.» Er sieht sehr wohl die Lage: «Die Druckereien arbeiten mit harten Strategien, um Kunden zu gewinnen. Aber die Investition in die Führung von morgen bleibt auf der Strecke.» Das sei ein Grund für den Leadership-Kurs in Aarau.

Der Lehrgang in Zürich ist auf berufsbegleitende Teilnahme ausgelegt – die Kurse laufen samstags –, die Kurskosten von 11.700 CHF sind aber grundsätzlich von den Studierenden zu zahlen, plus etwa 500 CHF für Literatur sowie Kosten für die Studienwoche und Exkursionen. Das mag nicht jeder aus eigenem Säckel investieren. Das gilt auch für die 15.000 bis 18.600 CHF Kosten für die Ausbildung «Packaging Manager/in mit eidgenössischem Diplom» (plus Prüfungsentgelte, Verpflegung und Unterkunft), den das SVI anbietet. Zwar übernimmt der Bund bei beiden Ausbildungen bis zu 50 Prozent der Ausbildungskosten, es bleibt dennoch deutlich vierstellig.

Im eigenen Interesse in Ausbildung investieren

Jobtalente plädiert daher dafür, dass Unternehmen in ihrem eigenen Interesse in Weiterbildung investieren. «Heute denken alle zu controllingorientiert», sagt Rolf Eicher. Die Investition könne schlicht Geld sein, etwa die Übernahme von Kurskosten – was nicht völlig aus der Mode gekommen ist, Daniel Brunner spricht von etwa zwei Dritteln seiner Studierenden an der SFGZ, für die der Arbeitgeber die Kurskosten ganz oder teilweise übernimmt. Das könne auch Zeit sein: Eicher erinnert sich an ein Unternehmen, das Kursteilnehmern drei Jahre lang den Freitag freigegeben hat.

Fokus auf Verpackung, hier symbolisiert durch eine Cola-Flasche (vor der Kamera in der Bildmitte): Standbild aus einem Imagefilm von Andrea Caprez und Jane Gebel für die Schule für Gestaltung Zürich. Fotocredit: SFGZ/Andrea Caprez/Jane Gebel

Und das könnte ein klarer Plan sein: «Unternehmen sollten jüngeren Leuten deutlich machen, wohin sie der Weg im Unternehmen bei Engagement für die Sache führen kann», sagt Lisa Kurth. «Das bedeutet, den Wert der Sache zu zeigen und einen Karriereplan anzubieten.» Ihre Erfahrung: «Verpackungs-Unternehmen, die das beherzigen, haben im Recruiting mehr Erfolg.»

Natürlich sind das alles keine bahnbrechend neuen Ideen. Aber sie gelten – und offenbar international. Girls Who Print, eine Organisation von Frauen in der US-amerikanischen Druckindustrie, kam nach einer Umfrage im Sommer zu ganz ähnlichen Schlüssen (siehe Textkasten): Es gebe deutliches Interesse an bestimmten Verpackungsthemen, schreibt die Organisation, und Unternehmen seien gut beraten, genau diese Themen offensiv mit Karrierechancen zu verknüpfen. Das dürfte auch für Männer und auch in der Schweiz funktionieren.

Den Return on Investment liegt für Daniel Brunner offen auf der Hand. «Ich bin überzeugt, dass insbesondere die Verpackungsbranche mit den richtigen Leuten am richtigen Ort noch sehr grosses Potenzial hat, weiter zu wachsen», sagt er. «Dafür braucht es mehr Identifikation mit dem Kerngeschäft und ein gutes Verständnis für die ökonomischen Zusammenhänge und die vielen Faktoren, die dabei eine Rolle spielen.» Für ihn ist Schulung der Schlüssel gegen den Fachkräftemangel. «Daher finde ich es super, wenn man in diesem Zusammenhang über Weiterbildungen und Kurse nachdenkt, die eigenen besten Leute ins Rennen schickt und als Betrieb ein solches Studium mitfinanziert. Letztlich profitieren alle davon.»

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SVI-Packaging-Master: Die brancheneigene Ausbildung

Seit 25 Jahren gibt es die Ausbildung zum/zur Packaging Manager/in mit Eidg. Diplom (prof. Master) der SVI Academy (also des Schweizerischen Verpackunginstituts). Sie besteht heute aus drei Modulen sowie Diplomarbeit und Höherer Fachprüfung. Die Ausbildung ist als Mischung aus Präsenz in Olten, Online-Terminen und Exkursionen angelegt. Seit Oktober hat der Abschluss den Titelzusatz «Professional Master».

Der diesjährige Kurs sollte ursprünglich am 17. Oktober beginnen, der Startzeitpunkt wurde aber wegen sich langsam entwickelnder Anmeldungen verschoben – «wir beginnen, wenn sich genug Leute angemeldet haben», sagt SVI-Chef Andreas Zopfi. Wer eine adäquate Vorbildung nachweist, muss sich nicht in den Leadership-Grundlagen langweilen, sondern kann vom ersten Modul dispensiert werden und direkt ins zweite Modul einsteigen. Weiteres unter academy.svi-verpackung.ch/packaging-manager.

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Raus aus der Jammerfalle

Auszug aus einem Gastartikel auf Packaktuell.ch von Egzon Alushoski, Bereichsleiter bei Libs Industrielle Berufslehren Schweiz, und Gobi Bremasuthan, Leiter Verkauf & Marketing bei Wellpack. Beide sind Teilnehmer des Executive MBA der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

Die eigene Nachwuchsförderung greift nur, wenn ausreichend Ausbildungsplätze da sind. Jammern über die Generation Z oder den ausgetrockneten Arbeitsmarkt bringt kein einziges Dossier auf den Tisch und keinen Menschen an die Maschine. Gefragt ist eine klare Führungshaltung:

  • Faire und transparente Entlöhnung: Konkurrenzfähige, marktgerechte Löhne sind das Fundament. Wer bei der Entlöhnung spart, zahlt am Ende doppelt durch teure Temporärarbeitende, stillstehende Maschinen und eine hohe Fluktuation.
  • Flexibilität ermöglichen: Auch in der industriellen Fertigung, etwa im Schichtbetrieb an der Stanze, lassen sich moderne Arbeitszeitmodelle, Teilzeitoptionen oder intelligente Schichttausch-Plattformen umsetzen. Wer Flexibilität bietet, öffnet die Tür für bisher ungenutzte Talentpools, wie etwa erfahrene Fachkräfte im vorgerückten Alter oder Wiedereinsteiger.
  • Echte Wertschätzung leben: Wertschätzung zeigt sich nicht im obligaten Früchtekorb oder am jährlichen Betriebsausflug. Sie zeigt sich im harten Arbeitsalltag: in einer offenen Kommunikation auf Augenhöhe, im Vertrauen in die Autonomie der Mitarbeitenden und in einer konstruktiven Fehlerkultur.

Der Fachkräftemangel lässt sich nicht kurzfristig «weginserieren». Er erfordert von Führungskräften der Verpackungsbranche den Mut, die Recruiting-Logik neu zu denken: weg vom reinen Einkauf von Qualifikationen auf dem Markt, hin zur nachhaltigen Entwicklung von Menschen im eigenen Betrieb.

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Blick in die USA

Unter Frauen in der US-Druckindustrie gilt Verpackung als Chance. «Verpackung ist das nächste Wachstums-Thema», so lautet eins der Ergebnisse der im August veröffentlichten Studie von Girls Who Print. Die US-Nonprofit-Organisation hatte 210 Frauen in der Druckindustrie befragt und 242 Bewerbungen fürs Mentorinnenprogramm ausgewertet.

«Die Umfrageergebnisse deuten auf reges Interesse für die Bereiche Verpackung, Etikettierung, Grossformatdruck, Beschilderung, Spezialdruck und verwandte Wachstumssegmente», heisst es in der Studie. «Diese Bereiche eröffnen Karrierewege jenseits des traditionellen Akzidenzdrucks und bieten Chancen in den Bereichen Vertrieb, Produktion, Betrieb, Design, Technologie und Unternehmensführung.»

Klar, das sind die USA. Die Folgerungen aber klingen allgemeingültig. Die Studie rät Unternehmen, in denen Verpackung und Etiketten Teil der Geschäftsstrategie sind, genau diese Bereiche mit Karrierechancen zu verknüpfen, um Frauen für das Unternehmen zu gewinnen. «Verpackung und Etikettierung sind die Vorreiter der Print-Innovationen», habe eine Teilnehmerin in der Umfrage geäussert.

«Frauen suchen nach Arbeitgebern, die gezielt in Mentoring investieren, Möglichkeiten zur Sichtbarkeit schaffen, klare Karrierewege zeigen und die berufliche Weiterentwicklung aktiv fördern», fasst die Organisation ihre Studie zusammen. Die englischsprachige, neun Seiten umfassende PDF-Datei ist gegen Eingabe der E-Mail-Adresse erhältlich unter girlswhoprint.org/industry-insights-report.

Titelblatt der Studie. Fotocredit: Girls Who Print

Der Autor: Stefan Becker