KI und Rezyklate
Schwankungen ohne Schrecken
Rezyklate sind schön, machen aber viel Arbeit. Zum Beispiel durch schwankende Qualitäten. Die RWTH Aachen zeigt am Beispiel der Papierproduktion aus Altpapier, wie KI-Automatik Probleme kompensieren kann, bevor sie Schaden anrichten.

Hier kommt’s her: Altpapier-Container auf dem Betriebshof der Wirtschaftsbetriebe Oberhausen (WBO) bei der Installation im April 2024. Fotocredit: Imago/Funke Foto Services
„Wenn Prozesse schnell sind, müssen die Reaktionen es auch sein“, sagt Flemming Heuvel. Er ist Wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität (RWTH) Aachen – zwar am Institut für Textiltechnik, er meint aber die Papierproduktion: Ein Bahnabriss auf der laufenden Bahn entstehe innerhalb von Sekunden oder Subsekunden. So schnell könne kein Mensch reagieren.
Mit KI-gestützter Analyse aber sei es möglich, ein Reaktionszeitfenster zu eröffnen und im besten Fall die Störung zu verhindern. An den Grundlagen für ein entsprechendes Assistenzsystem forsche sein Institut.
Einer der Gründe für Bahnabrisse sind schwankende Rohstoff-Qualitäten, insbesondere, wenn Altpapier verwendet wird. „Mehr Rezyklatanteil bedeutet weniger vorhersagbaren Rohstoff“, sagte Heuvel während des „Smart Paper Day“ des „Packreport“-Schwestertitels „Wochenblatt Papierfabrikation“. Die Zusammensetzung ändere sich von Charge zu Charge, Faserlängen und Festigkeiten könnten auch innerhalb einer Charge variieren, und sowieso bringe Altpapier Störstoffe und Fremdmaterial mit sich.
„Diese Dinge merken wir nicht dort, wo der Rohstoff in die Maschine gebracht wird, sondern erst stromabwärts, wenn sie Probleme verursachen“, so Heuvel. Das führe zu schlechteren Laufeigenschaften, zu Fehlstellen und schlimmstenfalls eben zu Bahnabrissen und Ausschuss.
Prozess muss Schwankungen ausgleichen
„Der Prozess muss die Schwankung auffangen“, sagt Heuvel daher. „Ein hoher Rezyklatanteil ist nur tragfähig, wenn er kompensiert, was der Rohstoff mitbringt.“ Das geplante Assistenzsystem arbeite mit KI-gestützten Prognoseverfahren. Die Grundidee: Sie sollen Messwerte des angelieferten Altpapiers mit den Daten der Maschine verknüpfen und rechtzeitig Alarm schlagen. „Es geht darum, zu kompensieren statt zu reagieren“, sagt Heuvel.
Das Assistenzsystem-Modell, das die RWTH entwirft, verschaffe der Belegschaft etwa 100 Sekunden Vorlaufzeit, um das Schlimmste zu verhindern. Im Idealfall warne das Assistenzsystem sogar eine Stunde, bevor die Bahn reißt. „So kann es möglich werden, dass der Bediener bereits vor der Störung mit der Diagnose beginnt, eine Reparatur einleiten kann und vielleicht sogar die ganze Störung verhindert“, so Heuvel.
Das System speise sich aus mehreren Quellen. Zum einen aus dem Maschinellen Lernen: Aus historischen Defekt- und Qualitätsdaten der Maschine und ihrer Sensoren – wann sie mit welchem Rohstoff wie zurechtgekommen ist –, aus Live-Daten, aus KI- und Statistik-Modellen entstehe ein Framework für die digitale Abbildung von Prozessen und physischen Grenzen. Und für Hinweise ans System, ob seine Entscheidungen gut oder schlecht waren.
Das Prozesswissen werde mit KI-Modellen verknüpft, „um einen Zusammenhang zwischen der Rohstoff- und den Maschinendaten zu erstellen“, so Heuvel. „Wir wollen die Ursachen und Wirkungen von verschiedenen zusammengestellten Papieren verstehen, Fehlstellen vorhersehen und vermeidbar machen.“
Diese Zeitreihenprognose ermögliche gegenwärtig einen ungefähren Handlungsspielraum von 100 Sekunden. Zusammen mit Fasermorphologiedaten und den Qualitätsdaten des Altpapieres sei aber ein Zeithorizont von ungefähr einer Stunde Vorlauf denkbar, bevor es zur Störung kommt. Zu allem komme formalisiertes Wissen, etwa anlagenspezifische Betriebsregeln und dokumentierte Korrekturmaßnahmen der jüngeren Vergangenheit.
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Entscheidung bleibt beim Bediener
Daraus könne das Assistenzsystem drei Dimensionen von Handlungsempfehlungen ableiten, sagt Heuvel. Zunächst melde es, was sich ändern wird, also ob eine Qualitätsschwankung drohe oder gar ein Abriss. Zum zweiten begründe das System seine Prognose mit „den treibenden Prozesssignalen, rückverfolgbar bis zum Rohstoff“. Und drittens priorisiere es die Korrekturmaßnahmen auf Grundlage der Wissensdatenbank.
„Der Bediener behält die Entscheidungshoheit“, betont Heuvel. „Prognosen und Expertenwissen ergeben eine Handlungsempfehlung, nie einen automatischen Eingriff.“ Gleichzeitig müsse das Personal nicht mehr Experte für jede Kleinigkeit sein und komme eher in die Rolle eines Planers.
Das Modell des Assistenzsystems ist noch nicht fertig, zurzeit laufen Produktionstests an echten Maschinen. „Die Kette reicht vom Altpapierlieferanten bis zur Papiermaschine und ist der gemeinsame Ansatzpunkt für Zulieferer und Produzenten“, sagt Heuvel. Entsprechend arbeitet die RWTH mit einer ganzen Reihe von Unternehmen zusammen, um Material- und Prozessdaten entlang der Wertschöpfungskette zu sammeln und ins Machine Learning zu speisen. So könne jeder Ballen Altpapier seine Daten an die Papiermaschine vorausschicken.
„Es gibt in der Forschung viele verfügbare KI-Methoden, aber meistens auf einem niedrigen Level“, sagt Heuvel. „Wo es relevant für die Industrie ist, wird es schwierig.“ Diese Transferlücke zwischen Forschung und Industrie gelte es zu überwinden. Nicht zuletzt brauche es zuverlässige Ergebnisse und ein gutes Change-Management, damit die Bediener geschult sind und mit dem System arbeiten.
Dass sich das lohne, rechnet die RWTH modellhaft wie folgt vor. Sie veranschlagt die Kosten einer verlorenen Produktionsstunde mit 15.000 Euro und vermutet drei ungeplante Unterbrechungen von mindestens einer Stunde pro Woche. Würden zwei davon durch Prognosen verhindert, ergäben sich 30.000 Euro Sparpotenzial, was bei Implementierungskosten von geschätzt 100.000 Euro eine Amortisation in unter vier Monaten bedeute.

Flemming Heuvel. Fotocredit: RWTH Aachen
Quote
"Ein hoher Rezyklatanteil ist nur tragfähig, wenn der Produktionsprozess kompensiert, was der Rohstoff mitbringt."
Flemming Heuvel, RWTH Aachen
Der Autor: Stefan Becker
