Recyclingkunststoff-Siegel

Die Bewertung der Bewerter

Kunststoff-Granulat. Recycelt? Wirklich?

Fotocredit: Imago/Zoonar

Nicht nur fertige Verpackungen, auch ihre Rohstoffe werden öffentlich bewertet, zum Beispiel durch Zertifizierungen für Recycling-Kunststoff. Das Umweltbundesamt hat wiederum diese Bewertungen bewertet – und einen Fehler gemacht.

Priorisierung und Gewichtung der Themen

Sind Kunststoff-Rezyklate wirklich Kunststoff-Rezyklate? Diese Frage treibt die Verpackungs-Branche um, und nicht nur sie. Eine Reihe von Zertifizierungssystemen versucht, mit Siegeln Antwort zu geben. Wie vertrauenswürdig aber sind diese Zertifizierer? Das hat sich das Umweltbundesamt in einer Studie angeschaut. Zehn Siegel wurden untersucht (eins in zwei Versionen). Die Ergebnisse sind, wie wohl zu erwarten, gemischt.

Zunächst einmal lassen sich die Siegel nicht direkt vergleichen, da sie verschiedene Dinge ins Auge fassen. Der „Global Recycled Standard“ und der „Materials Matter Standard“ konzentrieren sich auf Textilien, die anderen prüfen „ein breites Spektrum an Materialien“. „Recyclass Recycling Process Certification“ ziele dezidiert auf Management und Prozesse, andere stellten Produkte in den Mittelpunkt. Jede dieser Zertifizierungen habe ihren Zweck.

So moniert das Amt für drei Systeme mangelnde Informationsbereitstellung. „Trotz vorhandener Basisdokumente blieb die konkrete Ausgestaltung zentraler Anforderungen und Prüfmechanismen unklar.“ Zwei Systeme ließen im Vagen, „ob Vor-Ort-Audits, unangekündigte Prüfungen oder stichprobenbasierte Materialanalysen zur Anwendung kommen“. Fünf Siegel berücksichtigten umweltbezogene Aspekte nicht oder nur sehr marginal, erneut fünf „enthalten weder verpflichtende Sozialstandards noch spezifische Anforderungen zum Gesundheits- und Arbeitsschutz“, sieben „behandeln organisationale Aspekte und Mitarbeiter-kompetenzen eher oberflächlich“, vier ließen „klare Vorgaben zur Implementierung eines strukturierten Lagermanagements vermissen oder betrachten dieses Thema nur am Rande“.

Grundsätzlich kritisch sieht die Studie lange Zertifikatslaufzeiten von mehr als einem Jahr, wie sie drei Siegel einräumen – außer, es gibt jährliche Überprüfungsaudits mit Vor-Ort-Besuchen vergleichbarer Qualität. Allerdings schrieben nur sechs Siegel Vor-Ort-Audits verpflichtend vor, nur vier Systeme unangekündigte Audits. Bei drei Siegeln fungiere zudem der Systeminhaber zugleich als Zertifizierungsstelle: „Dies stellt die institutionelle Unabhängigkeit infrage und birgt das Risiko von Interessenkonflikten.“

Die Studie liefere „eine fundierte Momentaufnahme“, schreibt das UBA, „deren Aktualisierung jedoch kontinuierlich erforderlich bleibt“. Das hat das Amt direkt erfahren müssen. Flustix nämlich, dessen Siegel mit 65 von 176 möglichen Punkten auf dem letzten Platz landete, meldete sich mit Kritik: Die Studie beruhe auf einem alten, ausgelaufenen Flustix-Programm statt auf dem Nachfolger „Flustix Recycled“. Zudem nenne das UBA das alte System verkürzt ebenfalls „Flustix Recycled“, was zur Verwechslung führe. In der neuen Fassung seien zentrale Kritikpunkte des UBA „längst berücksichtigt“.

Das Amt hat inzwischen reagiert: Herunterladbar ist eine neue Fassung der Studie, die den Namen des untersuchten Programms zu „Flustix Recycled – DIN-geprüft“ korrigiert und darauf hinweist, dass das neue „Flustix Recycled“ eben nicht geprüft worden sei.

Unternehmen, denen eines der untersuchten Siegel begegnet, wenn sie Recycling-Kunststoff einkaufen, tun also gut daran, sich die Bewertung der Bewertung anzuschauen – und inwieweit die kritisierten Mängel für sie von Bedeutung sind. Die Eignung eines Zertifizierungssystems sei „stets im Kontext des jeweiligen Anwendungszwecks und der zugrunde liegenden Bewertungsperspektive zu beurteilen“.

Insgesamt aber „zeigte sich, dass die entwickelte Methode grundsätzlich praktikabel ist“, heißt es in der Studie. Und dieses Ergebnis hat vor allem für das UBA selbst Bedeutung: Ziel der Untersuchung war (in schönstem Ämterdeutsch) „die Prüfung der Eignung von Zertifizierungssystemen für eine mögliche Bezugnahme im Rahmen des Umweltzeichens ,Blauer Engel‘“.

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Infobox

Das Gesamtranking des UBA

  1. „Recyclass Recycling Process Certification Level 2“ (162 Punkte)
  2. „Recyclass Recycling Process Certification Level 1“ (141 Punkte)
  3. „Global Recycled Standard“ (140 Punkte)
  4. „Materials Matter Standard Pilot V1.0 (Recycled)“ (135 Punkte)
  5. „ISCC Plus“ (130 Punkte)
  6. „LNE Incorporation of Recycled Plastic Materials“ (123 Punkte)
  7. „OBP Recycling Subprogram“ (121 Punkte)
  8. „PSV Brand Recycled Content Certification“ (87 Punkte)
  9. „SCS Certification Standard for Recycled Content“ (82 Punkte)
  10. „QA-CER Recycled Content“ (74 Punkte)
  11. „Flustix Recycled – DIN-geprüft“ (65 Punkte)

Die Studie „Analyse und Bewertung von Zertifizierungssystemen für Recycling-Kunststoffe“ (UBA-Texte 130/2026) vom August 2026, verfasst vom Ecologic-Institut (Berlin) und vom Institut für Energie und Kreislaufwirtschaft an der Hochschule Bremen, ist kostenfrei erhältlich unter www.umweltbundesamt.de/publikationen/analyse-bewertung-von-zertifizierungssystemen-fur.