Rezyklate und Plastiksteuer

„Das wird die Industrie umbringen“

Im Sommer forderte IK-Präsident Georg Pescher die Branche auf, sich rechtzeitig um Rezyklate zu kümmern. Die Reaktion war eher mau. Aber nicht das macht ihn fassungslos.

Recyceln, bitte: Großer Sack mit Plastikmüll aus Einwegflaschen Ende August in Berlin. Fotocredit: Imago/Sabine Gudath

Ende Juli schrieb Georg Pescher eine Art vorsichtigen Brandbrief an die CEOs europäischer Verpackungshersteller. Als Präsident der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen sieht er von einem Logenplatz aus einen Versorgungsengpass heraufziehen: In Deutschland drohe bis 2030 eine Lücke von mehr als 860.000 Tonnen Post-Consumer-Kunststoffrezyklaten pro Jahr.

Überschaubare Reaktionen

Im Brief verwies Pescher auf die Rezyklat-Anforderungen der PPWR, die 2030 wirksam werden. Er empfahl den Unternehmen, „kurzfristig strategische Partnerschaften und langfristige Liefer- bzw. Investitionsverträge im Bereich Rezyklatwirtschaft zu prüfen, um die Versorgungssicherheit Ihres Unternehmens zu sichern“. Er bot sich als Gesprächspartner „zur Identifikation möglicher Kooperationsansätze entlang der Wertschöpfungskette“ an.

Die Reaktionen waren „überschaubar“. Sie kamen „nicht in dem Maß, wie wir uns das vorgestellt haben“, sagt Pescher im Oktober. Es habe ein paar Reaktionen von großen Automobilherstellern gegeben, mehr aber nicht.

Und das bereitet ihm einige Sorgen. „Es sind einfach zu viele Regelungen, die auf die Branche einprasseln“, sagt er. „Es findet weniger langfristiges Handeln statt.“ Er habe den Eindruck, die Unternehmen hätten die Deadline nicht auf dem Schirm.

Pescher rechnet damit, dass es 2030 im schlimmsten Fall weder Lieferverträge noch notwendige Investitionen in Recycling-Infrastruktur geben wird, die Nachfrage nach Rezyklaten in die Höhe schießt, die Preise der unverändert knappen Ressource ebenso – und dass die Automobilhersteller in scharfem Wettbewerb zu den Verpackern treten. „Dann bleiben nur sektorspezifische Recyclingquoten.“

Eigentlich ist die Branche einer Meinung

Pescher klingt wenig optimistisch, da die Lösungen nicht kurzfristig funktionietren. Dabei ist die Branche eigentlich ganz auf seiner Seite.

Das Forum Rezyklat zum Beispiel. Schalen aus PET, wie sie etwa für Obst und Wurst üblich sind, können stärker recycelt werden, heißt es in einer im September veröffentlichten Studie: Sie „weisen im Vergleich zu anderen Kunststoffverpackungen eine deutlich geringere werkstoffliche Recyclingquote auf, während mittlerweile Technologien für ihre Sortierung und ihre Rückführung in den Materialkreislauf zur Verfügung stehen“.

Um die PPWR-Anforderungen an ein Recycling in industriellem Maßstab zu erfüllen, fehlten aber etwa sechs bis acht Großanlagen. Unter mehreren Gründen nennt das Forum auch „fehlende langfristige Abnahmeverträge“ – Peschers Worte.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt die Plastic is Fantastic Association. Die Organisation hat sich 2025 gegründet, um eine faktenbasierte Debatte über Kunststoffe zu fördern. „Wir fahren weltweit 26 Kampagnen, um Endkonsumenten zur richtigen Sortierung zu bringen“, sagt Executive Director Dominic Fiel. „In Deutschland sind wir schon sehr weit.“ Durch KI in der Sortierung müsse man die Fraktionen nicht mehr so sauber trennen. Es fehle aber an der Umsetzung.

Internationale Organisationen weisen ebenfalls auf das Problem hin. So erklärte die Schweizer Organisation Earth Action den 6. September 2026 zum „Plastic Overshoot Day“ – den Tag, „an dem das Aufkommen an Kunststoffabfällen die Kapazitäten der Abfallwirtschaft übersteigt, was zu Umweltverschmutzung führt“.

Zwar schreibt Earth Action, Fortschritt lasse sich nicht allein anhand der Recyclingquoten messen, da die Produktion schneller wachse als die Kapazitäten zur Verwertung. Dennoch wird auch umgekehrt ein Schuh draus: Gäbe es genug Recyclingquoten und Rezyklat-Abnehmer, bräuchte es keinen Overshoot Day.

The Paperflex Consortium schließlich schlägt in dieselbe Kerbe. Initiiert von der Ellen MacArthur Foundation, haben sich Colgate-Palmolive, Mars, Nestlé, Pepsico, Procter & Gamble und Unilever unter diesem Namen zusammengeschlossen. Das erklärte Ziel: in Verpackungen Kunststoffe durch Papierfasern zu ersetzen – und zwar dort auf der Welt, wo „flexible Kunststoffverpackungen weit verbreitet sind und in denen das Fehlen von Sammel- und Recyclingsystemen die Wahrscheinlichkeit erhöhen könnte, dass diese Verpackungen in die Umwelt gelangen“.

IK-Präsident Georg Pescher. Fotocredit: IK

Quote

"Wird die Kunststoffsteuer nicht abgebogen, wird Alpla verstärkt in anderen Ländern investieren."

Georg Pescher, Deutschland-Chef von Alpla und IK-Präsident

Zusätzlich ein Drittel Wertschöpfung abgeben

Das führt schon weit weg von Deutschland, und Pescher wie auch Fiel weisen darauf hin, dass Papierverpackungen in der Regel Kunststoffanteile brauchen und diese Verbunde dann kaum zu recyceln seien. Pescher: „Das ist auch Stand des Wissens in der Industrie, in der Politik und bei den meisten NGOs. Ohne Kunststoff ist Papier nur ein funktionsloser nasser Klumpen.“

Dennoch: Die ganze Welt ruft nach mehr Recycling und mehr Kapazitäten, aber freundliche Brandbriefe verhallen ohne Reaktion.

Aber das ist gar nicht mal das, was Pescher derzeit am meisten umtreibt. Sondern das von der Bundesregierung geplante Kunststoffverpackungsteuergesetz. Es sieht von Juli 2027 für jede Tonne Kunststoff in Verpackungen 550 Euro Abgaben vor.

„Damit brauchen wir gar nicht weiterzuarbeiten“, sagt Pescher und rechnet vor: Alpla als Hersteller starrer Verpackungen konvertiere in Deutschland rund 140.000 Tonnen Kunststoffe im Jahr. „Das bedeutet etwa 77 Millionen Euro an Plastiksteuern, also 15 Prozent unseres Umsatzes oder etwa ein Drittel unserer Wertschöpfung, die zusätzlich auf uns zukommen.“ Für Folienhersteller seien die Anteile deutlich höher. „Das wird die Kunststoffindustrie umbringen.“ Vor allem der Export von Kunststoffverpackungen „Made in Germany“ werde zu 100 Prozent einbrechen mit massiven Arbeitsplatzverlusten.

Entgangene Steuern durch insolvente Unternehmen, Arbeitslosengeld für die entlassenen Belegschaften, ausfallende Einzahlungen in die Sozialsysteme würden die erhofften 1,4 Milliarden Euro Steuereinnahmen mehr als auffressen. „Das ist an Verzweiflung und Uneinsichtigkeit nicht mehr zu überbieten“, schimpft Pescher. Uneinsichtigkeit? „Seit einem halben Jahrzehnt liegt der Vorschlag einer Steuer für alle Verpackungen auf dem Tisch, die Recyclingfähigkeit und Rezyklate belohnt.“

Würde Pescher seinen Brief an die CEOs heute noch schreiben? „Grundsätzlich ja“, sagt er, „aber aktuell ist unsere Aufgabe, der Politik verständlich zu machen, dass ohne Kunststoff- und Verpackungswirtschaft die Volkswirtschaft ein Problem hat. Die Detailfragen, wie Rezyklatlücken, treten hier in den Hintergrund.“ Sein Vertrauen in gestaltende Politik sei massiv geschädigt.

Der Brief ging doch gar nicht an die Politik? Stimmt schon, und Pescher verweist auf die Flaschen aus 100 Prozent Gelber-Sack-Rezyklat, die Alpla seit Jahren für Werner und Mertz herstelle. Solche Dinge seien möglich – wenn die Branche sich kümmere.

Aber er hält es inzwischen für fraglich, dass sie überhaupt eine Chance dazu hat, jedenfalls in Deutschland. „Wird die Kunststoffsteuer nicht abgebogen, wird Alpla verstärkt in anderen Ländern investieren, wie mit Polymac in Holland schon geschehen.“

Der Autor: Stefan Becker