Gastbeitrag
Tönissteiner greift zum Rezyklat
Zurückgekehrt: Die Mehrweg-Flasche soll 15 Umläufe schaffen. Fotocredit: Tönissteiner Privatbrunnen
Der Tönissteiner Privatbrunnen geht mit einer Mehrweg-Flasche voran, die komplett aus recyceltem PET besteht. Partner ist der Verpackungshersteller Alpla.
Als erster Mineralbrunnen füllt Tönissteiner sein Wasser in Mehrweg-Flaschen aus 100 Prozent recyceltem PET ab. Auslöser war für die Eifeler die Ressourcenknappheit in Folge des Krieges in der Ukraine. Neben wirtschaftlichen Erwägungen kamen die ökologischen dazu: „Als Familienbetrieb denken wir immer schon 15 bis 20 Jahre in die Zukunft“, sagt Geschäftsführer Hermann-Josef Hoppe. Mit dem Verpackungshersteller Alpla ging er in die Entwicklung.
Wenn Plastikflaschen im Mehrweg-System mehrfach befüllt, verwendet und gereinigt werden, wirkt sich das auf die Materialqualität aus. Auch unterscheiden sich recycelte Kunststoffe in ihren Eigenschaften von Neuware. Die Projektpartner experimentierten mit unterschiedlichen Rezyklat-Anteilen in den Testflaschen.
Gleicher Schrumpffaktor
Sie untersuchten etwa, wie sich eine Flasche in der Reinigung verhält, wenn sie anteilig oder komplett aus Rezyklat besteht. Die Produktentwickler stellten fest, dass der Schrumpffaktor nach den anvisierten 15 Umläufen bei 100 Prozent rPET identisch ist zu 60 Prozent. Aus ökologischen Gründen entschied sich Tönissteiner für den vollständigen Rezyklateinsatz.
Studien haben in der Vergangenheit gezeigt, dass Konsumenten Hygienebedenken haben, wenn das Recyclingmaterial in Verpackungen sichtbar ist. Verpackungen aus rPET können eine grau-bläuliche Farbe annehmen. Ähnlich ist es bei Glasflaschen, die meist aus recycelten Glasscherben gefertigt werden. „Die Farbe führt zu Diskussionen“, sagt Hoppe. Da Tönissteiner im Premiumsegment unterwegs ist, habe er sich darüber Gedanken gemacht. Letztendlich sei der ökologische Vorteil in Verbindung mit einem neuen Flaschendesign überzeugender gewesen.
Die Mehrweg-Flaschen kommen bei beiden Marken, „Tönissteiner“ und „Eifel-Quelle“, zum Einsatz. Das Unternehmen agiert nun bei Glas und PET unabhängig von der Genossenschaft Deutscher Brunnen (GDB). Verbunden mit dem Ausstieg aus dem GDB-Pool hat der Tönissteiner Brunnen in eigene Mehrweg-Kästen investiert. Insgesamt hat die Umstellung 5,5 Millionen Euro gekostet. Davon flossen zwei Millionen Euro in eine neue Sortieranlage, die Glas- und PET-Flaschen gleichzeitig sortiert.
Einweg: 100 Prozent rPET sind schon üblich
2025 machte das Unternehmen knapp 40 Millionen Euro Umsatz. Der Anteil von Inlands- und Auslandsgeschäft lag nahezu gleichauf. Tönissteiner ist insbesondere in Belgien aktiv, wo das Unternehmen Limonaden in Dosen und Einweg-PET vertreibt. In Deutschland, wo Listungen im LEH und im Getränkehandel bestehen, liegt der Fokus auf dem Geschäft mit Mineralwasser. Die Eifeler vertreiben im Umkreis von 150 Kilometern. Im Einzelhandel gehe der Trend zu Glas, sagt Hoppe. PET-Mehrweg spiele bei der Gruppenverpflegung eine größere Rolle. Beide Marken verzeichneten seit der Umstellung auf die eigenen Gebinde Zugewinne.
Die Entwicklung der Recycling-Anteile bei PET-Mehrweg gehen die Mineralbrunnen insgesamt vorsichtig an. Hingegen ist bei Einweg 100 Prozent rPET schon üblich. Das liegt an der jeweiligen Robustheit, die die Flaschen haben müssen.
Unternehmen scheuen aber wohl auch die Investitionen, die für neue Produktions- und Abfüllprozesse notwendig sind. Dazu kommt die Rohstoffverfügbarkeit – ein Diskussionsthema. Denn die EU schreibt ab 2030 Rezyklatquoten für Lebensmittelverpackungen vor. Gleichzeitig gelten strenge Vorschriften für den Einsatz recycelter Kunststoffe im Food-Kontakt. rPET ist das bislang hauptsächlich zugelassene Material.
„Zur Erfüllung der Ziele im Rahmen der Einwegkunststoff-Richtlinie und der Verpackungsverordnung ist ausreichend Flaschen-rPET verfügbar, aber es fließt teilweise in andere Bereiche wie die Textilindustrie sowie andere Verpackungsanwendungen ab“, sagt Immo Sander, Head of Product Development bei Alpla Deutschland, Belgien und Niederlande. Die Mineralbrunnen fordern den exklusiven Zugriff auf das Rezyklat aus PET-Flaschen. Das meist kaum verunreinigte Material lässt sich wieder im Lebensmittelkontakt einsetzen. „PET in Europa im Kreislauf zu halten ist für die Unternehmen überlebenswichtig“, sagt Sander.
Kampf um rPET tobt
Der Kampf um den Rohstoff hat längst begonnen. „Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel dominiert das Einweg-Pfandsystem und bestimmt somit die Preise für das Rezyklat“, so Sander. Er dürfte etwa auf die Schwarz-Gruppe anspielen. Der Konzern hat einen eigenen Kreislauf aufgebaut: Durch die Schwarz-Produktion befüllte Wasserflaschen für die Lidl- und Kaufland-Eigenmarken werden von der Umweltsparte Prezero recycelt. Anschließend fließt das Material zurück in die Flaschenproduktion für die Schwarz-Unternehmen. Gerolsteiner tauscht seit Anfang dieses Jahres seinen PET-Mehrweg-Pool mit neuen Flaschen aus, die aus 50 Prozent Rezyklat bestehen und bis zu 25 Umläufe schaffen sollen.
Vor Beginn des Irankrieges war Rezyklat teurer als Neuplastik, weshalb die Industrie billigeres Neumaterial bevorzugte. Die Märkte sind volatil und hängen von dem schwankenden Ölpreis ab. Ein Problem für die Recyclingindustrie, die unter dem Preisdruck kaum bestehen und in neue Technologien investieren kann. Sobald die Rezyklatquoten für Verpackungen und andere Kunststoffprodukte greifen, prognostizieren Marktforscher eine EU-weite Versorgungslücke in Höhe von 3,5 Millionen Tonnen.
Das Rezyklat für die Flaschen von Tönissteiner besteht aus in Deutschland recycelten Pfandflaschen. Der Mineralbrunnen spart dadurch nach eigenen Angaben „deutlich an Ressourcen“ gegenüber Flaschen aus neuem Kunststoff – auch durch Effizienzgewinne in der Logistik. Auf eine Palette passen statt vormals 40 nun 45 der eigenen, schmaleren Kästen. Dadurch kann Tönissteiner rechnerisch auf jeden zehnten Lkw verzichten. Ebenfalls vorteilhaft sei die gleichzeitige Sammlung und Sortierung von Glas- und PET-Flaschen für den Handel und die Logistik.
Die Autorin: Charlotte Pekel