Product Carbon Footprint

Was der CO₂-Fußabdruck für Papier sagt

Ein niedriger CO₂-Fußabdruck klingt nach einer einfachen Antwort auf die komplexe Frage nach mehr Nachhaltigkeit. Doch gerade für Verpackung zeigt sich: So einfach ist es nicht. Wie Koehler mit dem Product Carbon Footprint umgeht, zeigt Nachhaltigkeitsmanager Jens Kriete in seinem Gastbeitrag.

Entlang der gesamten Lieferkette wächst der Bedarf an belastbaren Klimadaten. Kunden, Markenartikler und Investoren wollen wissen, welche Emissionen mit einem Produkt verbunden sind. Der Product Carbon Footprint (PCF) wird damit zu einer Kennzahl, die in Einkaufs-, Entwicklungs- und Beschaffungsprozessen zunehmend Gewicht bekommt, jedoch rechtlich (noch) nicht zwingend erforderlich ist.

Die Ermittlung der Werte ist anspruchsvoll. Ein belastbarer PCF ist kein schnell berechneter Durchschnittswert, sondern das Ergebnis einer komplexen Datenerhebung entlang der Wertschöpfungskette.

Um Kunden und Partnern verlässliche Klimadaten zur Verfügung zu stellen, hat Koehler Paper die PCF-Daten für Produkte aus den Werken Kehl und Oberkirch berechnet und zuletzt für das Berichtsjahr 2024 aktualisiert. Berücksichtigt werden dabei verschiedene Produktgruppen, darunter auch flexible Verpackungspapiere. Die Daten werden jährlich fortgeschrieben. Dabei verfolgt Koehler einen Cradle-to-Gate-Ansatz, betrachtet also die relevanten Prozesse von der Rohstoffgewinnung bis zum Verlassen des Werkstors. In die Berechnungen fließen unter anderem Rohstoffe, Energieverbräuche, Transporte und weitere vorgelagerte Prozesse ein.

Gerade diese vorgelagerten Prozesse gehören zu den größten Herausforderungen. Nicht für jeden Rohstoff und jeden Lieferanten liegen vollständige, vergleichbare Informationen vor. Unternehmen sind deshalb auf die enge Zusammenarbeit mit Partnern angewiesen und greifen ergänzend auf etablierte Datenbanken wie „EcoInvent“ zurück. Diese stellen Durchschnittswerte unterschiedlicher Materialien bereit. Eine gewisse Vorsicht ist dabei immer geboten, denn die Daten bilden die Wirklichkeit nie vollständig ab. Bei Koehler hat sich die Ermittlung der Werte deshalb längst zu einer interdisziplinären Aufgabe entwickelt.

Die eigentliche Schwierigkeit liegt nicht allein in der Methodik, sondern vor allem in der Qualität der verfügbaren Daten. Teilweise müssen Annahmen getroffen oder generische Datensätze verwendet werden. Gleichzeitig beeinflussen Systemgrenzen und methodische Entscheidungen das Ergebnis. Der berechnete Klimafußabdruck spiegelt daher keine exakte Messung, sondern bietet ein Modell, das die potenzielle Klimawirkung eines Produkts im Rahmen definierter Annahmen abbilden soll.

Hinzu kommt: Die Berechnung des PCF erfolgt idealerweise nicht nur einmalig. Rohstoffe, Energieverbräuche, Lieferketten und Datengrundlagen verändern sich fortwährend. Damit Werte aktuell und aussagekräftig bleiben, sollten sie regelmäßig überprüft und fortgeschrieben werden. Gerade deshalb ist ein transparenter Umgang mit Annahmen und Grenzen entscheidend.

An diesem Punkt wird eine wichtige Unterscheidung deutlich: PCF und Ökobilanz weichen grundlegend voneinander ab. Während der PCF ausschließlich die Treibhausgasemissionen eines Produkts betrachtet, untersucht eine Ökobilanz dessen Umweltauswirkungen entlang des Lebenszyklus. Dazu können beispielsweise Ressourcenverbrauch, Versauerung, Eutrophierung (Überangebot von Nährstoffen) oder weitere Umweltindikatoren gehören.

Der PCF liefert dennoch eine wichtige Klimakennzahl: Er zeigt, welche Emissionen mit einem Produkt verbunden sind, und hilft, Reduktionspotenziale sichtbar zu machen. Andere Umweltaspekte werden durch ihn jedoch nicht oder nur indirekt erfasst.

Gerade bei Verpackungen wird deutlich, warum eine isolierte Betrachtung einzelner Kennzahlen zu kurz greift. Eine Verpackung mit niedrigem Klimafußabdruck bildet nicht automatisch die nachhaltigste Lösung. Sie muss auch produktspezifische Anforderungen erfüllen: Schutzfunktion, Maschinengängigkeit, Barriereeigenschaften, Recyclingfähigkeit und Kreislauffähigkeit.

Verpackungen mit ähnlichen PCF-Werten können daher in ihrer ökologischen Gesamtbewertung unterschiedlich abschneiden. Umgekehrt kann ein Material, das beim Klimafußabdruck nicht in jeder Anwendung den niedrigsten Wert aufweist, durch Recyclingfähigkeit, Ressourceneffizienz oder Kreislauffähigkeit Vorteile bieten. Mehr noch: Durch gezielte Forschung lassen sich Materialien wie Papier so gestalten, dass sich ihre Eigenschaften auch positiv auf den PCF des Materials auswirken.

Für papierbasierte Verpackungslösungen spielt die ganzheitliche Betrachtung aus einem weiteren Grund eine besonders wichtige Rolle. Papier basiert auf nachwachsenden Rohstoffen, ist in etablierte Recyclingstrukturen eingebunden und kann in vielen Anwendungen Kunststofffolien ersetzen. Diese Eigenschaften lassen sich jedoch nicht vollständig über eine einzelne CO₂-Kennzahl abbilden. Koehler Paper setzt zwecks größerer Transparenz auch auf sogenannte Paper Profiles, die das Unternehmen mit Daten eigener Messungen erstellt. Darin enthalten sind die CO₂-Emissionen des Papiers selbst, aber auch Angaben zu den Auswirkungen nachgelagerter Prozesse wie Druck und Weiterverarbeitung.

Das bedeutet nicht, dass der PCF an Bedeutung verliert. Im Gegenteil: Er schafft eine wichtige Grundlage, um Klimawirkungen sichtbar zu machen und Optimierungspotenziale zu erkennen. Entscheidend ist aber, ihn richtig einzuordnen und im Zusammenspiel mit anderen Parametern zu nutzen.

Die Bedeutung des PCF wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Kunden und Verarbeiter werden detailliertere Emissionsdaten entlang der Lieferkette erwarten. Gleichzeitig dürften Standards und Berechnungsmethoden stärker harmonisiert werden.

Für Unternehmen bietet die Kennzahl die Möglichkeit, Klimawirkungen nachvollziehbar darzustellen und Entscheidungen auf eine bessere Datengrundlage zu stellen.

Nachhaltige Verpackungen entstehen damit nicht durch den niedrigsten CO₂-Wert allein. Sie entstehen dort, wo ökologische Wirkung, technische Machbarkeit und Kreislauffähigkeit zusammenkommen.

Der Autor

Jens Kriete ist Nachhaltigkeitsmanager der Koehler-Gruppe. Das Kerngeschäft des Unternehmens liegt in der Entwicklung und Produktion von Spezialpapieren, unter anderem für die Verpackungsindustrie. In Deutschland betreibt Koehler fünf Produktionsstandorte, drei weitere befinden sich in den USA.