Faserbasierte Verpackungen

„Wir brauchen einen Mess-Standard für Keime“

Der Trend geht zu faserbasierten Lebensmittel-Verpackungen. Und damit zur Frage, ob gefährliche Keime aus verschmutztem Altpapier kommen können. Arne Krolle von Propakma gibt Antworten.

Schimmelbefall auf getrockneten Aprikosen – und möglicherweise über den Karton ein Schimmeleintrag ins Altpapier. Fotocredit: Imago/Rolf Poss

Herr Krolle, Ihre jüngst überarbeitete Studie zu humanpathogenen Keimen in Lebensmittel-Verpackungen aus Altpapier kommt zum Schluss, der Übergang von Keimen sei ein vernachlässigbares Risiko. Bedeutet das aus Sicht der Mikrobiologie grünes Licht für alle, die Kunststoffe durch Papier ersetzen wollen?

Es geht mir darum, die Panikmache aus der Diskussion zu nehmen, die hier und da betrieben wird. Grünes Licht kann gegeben werden, wenn sich ein Unternehmen fragt, ob Frischfaser oder Altpapier als Rohstoffe eingesetzt werden sollen: Die Untersuchungen aus den vergangenen beiden Jahren zeigen, dass bei optimierter Prozessführung und Monitoring das Risiko des Keimübergangs auch bei Verpackungen aus Altpapier als vernachlässigbar einzustufen ist. Der Einsatz von Altpapier in Verpackungen für Nudeln, Schokolade oder Obst muss aber jeweils spezifisch betrachtet werden.

Woher können krank machende Keime denn kommen? Aus dem Altpapier? Aus der Papierherstellung?

Das Hauptproblem ist Schimmel, klassische pathogene Bakterien konnten nicht nachgewiesen werden. Eine fehlerhafte feuchte Lagerung sowie Lebensmittelreste und andere Bestandteile des Altpapiers können zur Schimmelbildung führen. Wenn die Feuchtigkeit oberhalb von 15 Prozent liegt, also deutlich höher als von DIN EN 643 im Altpapier vorgesehen, wächst vermehrt Schimmel. Das ist beherrschbar und nicht unbedingt dramatisch. Viele Schimmelpilze lassen sich als weniger risikorelevant einstufen, und die Sporen haben eine hohe Affinität zu Papierfasern, migrieren also nicht in ein Lebensmittel. Papier verteilt sogar das Wasser in der Verpackung, so dass lokale Feuchtigkeit abtransportiert wird und das Risiko von Schimmelwachstum sinkt. Da hat Papier gegenüber anderen Verpackungen einen Vorteil. Dennoch: Um es zu beherrschen, muss die Keimzahl regelmäßig geprüft werden. Gerade bei Lebensmittelverpackungen ist die Keimzahl an der Oberfläche relevant, da diese das Lebensmittel berührt. Für Papierverpackungen sind anerkannte Methoden nicht geeignet, es fehlt eine allgemein anerkannte Methode.

Zeigen die ausgewerteten Studien Unterschiede zwischen den Regionen oder zwischen städtischen und ländlichen Gegenden?

Die Studien zeigen eher Unterschiede zwischen den Altpapierquellen und zwischen verschiedenen Arten der Lagerung der Faserstoffe. Die Zusammensetzung der haushaltsnahen Sammlung unterscheidet sich nach der Region. Damit ergibt sich ein Zusammenhang.

Sie sagen, es fehlt eine allgemein akzeptierte Methode zur Bestimmung von Schimmel und Keimen in Papierverpackungen. Nun nennt Ihre Studie verschiedene existierende Methoden. Was genau fehlt?

Die Verwendung der gängigen Messmethoden bilden die Gegebenheiten für Papierverpackung nicht ab. Wir haben verschiedene Messmethoden verglichen und finden deutliche Unterschiede in den Ergebnissen. Beispielsweise wird die Gesamtzahl der Keime im Papier gemessen – sonnvoller wäre es, nur die Keime auf der Oberfläche zu erfassen, die Zahl liegt um Größenordnungen niedriger. Papier als saugende raue Oberfläche benötigt also optimalerweise eine eigene spezifische Messmethodik, um das Risiko besser zu beurteilen. Sie müsste auch den Einfluss von Barrierebeschichtungen oder anderen komplexeren Verpackungslösungen beurteilen.

Wäre das dann eine öffentlich zugängliche Methode, oder hätte zum Beispiel Propakma ein Patent darauf?

Das wäre öffentlich. Ich halte nichts von Methoden, die Labore im stillen Kämmerlein entwickeln. Wir brauchen eine Methode, hinter der alle stehen, die Kunden und Anwendern Sicherheit gibt. Sie dient dazu, Keimentwicklungen im Auge zu behalten, ohne dass ein Hype darum entsteht.

Lassen sich Schimmel und Keime mit Bioziden eindämmen? Oder wäre das Beelzebub statt Teufel?

Biozide und die Reinigung der Wasserkreisläufe sind eine richtige ergänzende Behandlung in der Papierherstellung, aber nur ein Teil der Lösung. Das Monitoring und die Steuerung der wesentlichen Prozessparameter sind die wesentlichen Aspekte, beispielsweise die Wasserbehandlung und die Temperaturführung in der Stoffaufbereitung und der Trocknung. Die optimierte Biozid-Behandlung benötigt ebenfalls eine sinnvolle Methode zur Messung der Keimzahl auf Papier, um technische Installationen, Prozessparameter und Additive kombiniert zu optimieren.

Sie empfehlen mehr Temperatur- und Feuchtigkeits-Monitoring, die Implementierung von Hygieneplänen und die Separierung belasteten Altpapiers. Das bedeutet zusätzliche Kosten. Kann sich die Branche das leisten?

Die meisten dieser Prozessbestandteile sind bereits implementiert. Es geht jetzt um die Detailoptimierung und die Vervollständigung dieser Sichtweise entlang der Wertschöpfungskette von der Altpapiersammlung bis zur Wiederverwendung der Altpapierfaser in einer neuen Verpackung.

Nun lässt sich aber doch fragen: Warum all der Aufwand, wenn das Risiko doch vernachlässigbar ist?

Der Einfluss der PPWR wird nach heutiger Einschätzung die Qualität der Blauen Tonne verschlechtern. Der Gehalt an Papierverbund-Verpackungen im Altpapier steigt, damit könnten, auch ohne eine explizite Regulierung, Lebensmittelreste ein größeres Problem werden. Daher brauchen wir eine anerkannte Messmethode, um die Prozesse der Papiererzeugung, wenn notwendig, anpassen zu können.

Quelle

„Risikoabschätzung des Übergangs von humanpathogenen Keimen aus der Papierverpackung auf verpackte Lebensmittel. Methoden, Bewertungsrahmen und Handlungsempfehlungen für die Herstellung und Verarbeitung von papierbasierten Packmitteln“, E-Book, 25 Seiten, 29,50 Euro.