PPWR

Die neuen Hebel des Handels

Auch hier geht es um die PPWR: Supermarktregal (Symbolbild). Bild: Imago/Imagebroker

Die PPWR betrifft auch den Handel. Wie genau und welche Steuerungsrolle Retailer künftig einnehmen könnten, diskutiert Peter Désilets von der Designagentur Pacoon in seinem Gastbeitrag.

Die Auswirkungen der EU-Verpackungsverordnung auf die Sortimente der Einzelhändler werden immer sichtbarer. Die EU-Verpackungsverordnung betrifft nicht nur Produzenten, sondern auch Händler, welche die Auswirkungen auf die Regal- und Onlineshops spüren werden.

Die Rolle eines Unternehmens knüpft an dessen Pflichten an. Aktuell stellt sich für Handels­unternehmen bei Private-Label-Produkten die Kernfrage: Wer ist der Erzeuger von Eigenmarken?

Diese Frage ist bei Private-Label-Produkten seit Wochen kontrovers. Die EU hat Ende Juli 2026 in ihren FAQ den Handelsketten die Rolle des „Erzeugers“ zugeschrieben, „Wenn die Verpackung oder das verpackte Produkt einen bestimmten Namen oder eine bestimmte Marke trägt, kann davon ausgegangen werden, dass der Inhaber dieses Namens oder dieser Marke der ‚Erzeuger‘ ist […], da er die entscheidende Macht in der Vertragsbeziehung mit seinen Lieferanten hat und daher auch die Eigenschaften der Verpackung festlegen kann.“ (eigene Übersetzung).

Dies wird in den nächsten Wochen und Monaten für Diskussionen sorgen, da manche Händler diese Rolle auf ihre Produzenten übertragen wollen. Einige unserer Kunden haben diese Rolle bereits übernommen und ihre Verpackungen angepasst.

Die EU vermischt dabei zwei Gründe für diese Zuordnung: das Design der Verpackung, das meist von den Handelsketten bestimmt wird, und die Spezifikation der Verpackung, die in den meisten Fällen vom Produzenten kommt. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Handelskunde eine bestimmte Verpackung und die Produktion vorschreiben kann.

Eine andere wichtigste Frage wird durch die FAQ gerade neu aufgeworfen: Bei welchen Transportverpackungen wird ein Unternehmen zum Erzeuger? Sie werden beim Screening von Verpackungsarten gern vergessen, und die Datenbasis in den Warenwirtschaftssystemen der Verpacker ist meist sehr dürftig bis gar nicht vorhanden.

Wir glauben, hier ist das letzte Wort aus den FAQ – die ohnehin nicht verbindlich sind – noch nicht gesprochen. Denn eine Konformitätserklärung kann nicht von den Produzenten der Verpackungen erstellt werden, dem gar nicht alle Informationen der Konformitätserklärung vorliegen und sich diese auf eine Vielzahl von Anwendern erstreckt.

Die neuen Hebel der Retailer

Die PPWR macht aus der losen Zusammenarbeit bei Verpackungsthemen eine formalisierte, datengetriebene Partnerschaft mit verbindlichen Daten. Datenanforderungen gehören daher künftig unbedingt in die Lieferantenverträge und Listungskriterien.

Die PPWR gibt dem Handel mehr Macht, wenn er Erzeuger seiner Eigenmarken ist oder die Registrierung und Entsorgungsgebühren zu verantworten hat.

  • Sortimentssteuerung als Compliance-Filter: Der Handel kann über die gelisteten Produkte entscheiden und dabei bessere Alternativen wählen, die geringere Entsorgungsgebühren haben.
  • Technische und inhaltliche Anforderungen an Verpackungen können in Einkaufs- und Markteintrittsbedingungen verankert werden. Händler können also höhere Standards definieren, um sich im Wettbewerb zu differenzieren.
  • Markenführung und Nachhaltigkeits-Profil: Verpackungen werden zu einem sichtbaren Bestandteil der Markenführung, wenn Übererfüllung der Ziele nachgewiesen werden kann. Händler können diese Marken stärker inszenieren.

Die PPWR wird so zu einem Hebel, mit dem Händler ihr Nachhaltigkeitsprofil schärfen können.

Listungsentscheidungen und Sortimentsbereinigung

Viele heutige Verpackungen werden den neuen Anforderungen ab August 2026 und den weiteren Stufen der PPWR ab 2030 nicht mehr genügen. Es folgen drei Entwicklungen für Listung und Sortimentsbereinigung:

Erstens wird der PPWR-Check Bestandteil des Listungsprozesses. Neue Produkte werden nach ihrem Verpackungsprofil bewertet wie Recycling­fähigkeit oder Rezyklatanteil. Zweitens gewinnt aktive Sortimentsbereinigung an Bedeutung. Produkte mit problematischen Verpackungen geraten unter Druck. Lieferanten ohne PPWR-konforme Lösungen werden schrittweise ausgelistet.

Und schließlich wird es zu einer Priorisierung zukunftsfähiger Verpackungskonzepte kommen. Produkte, die deutlich über das Mindestniveau hinausgehen, können bevorzugt promotet werden.

Auch für HoReCa-Kunden (Hotels, Restaurants, Catering) kann der Handel neue Portfolio-Strategien anstreben. Viele Beherbergungs­betriebe und Ketten kennen die drohenden Verbote von Verpackungen vermutlich noch gar nicht. Was im Regal verkauft werden darf, kann zum Verzehr vor Ort verboten sein. Als Beispiel dient das Ketchup- oder Senf-Tütchen. Kleinere Betriebe werden dieses Wissen kaum aufbauen und der Handel kann sich durch ein Spezialsortiment PPWR-konformer Produkte für den HoReCa-Sektor positionieren.

Praktikable Anforderungen an Lieferanten

Damit die PPWR im Alltag handhabbar bleibt, brauchen Retailer klare, praktikable Anforderungen, die sie gegenüber ihren Lieferanten kommunizieren und durchsetzen können. Die wichtigsten Bausteine dafür sind:

  • Standardisierte Datenschemata: Dazu gehört die Definition, welche Verpackungsdaten sie pro Artikel benötigen und einheitliche und kompatible digitale Schnittstellen.
  • Verankerung in Verträgen und AGB: Verbindliche Pflichten der Lieferanten, aktuelle Konformitätserklärungen und technische Dokumentationen bereitzustellen.
  • Transparente Kommunikation: Lieferanten sollten die Anforderungen als rechtliche Notwendigkeit und Zukunftssicherheit des gemeinsamen Geschäfts verstehen. Ein klarer Fahrplan (Meilensteine, Datenanforderungen) erleichtert die gemeinsame Umsetzung.

Der Wettbewerb um die Eigenmarken wird auch durch Verpackung entschieden. „Nachhaltigere“ Verpackungen und günstigere Entsorgungs­gebühren könnten den Ausschlag geben. Ein Umstieg auf Mehrweg könnte Kostenvorteile bringen.

Bis 2030 sind noch drei Jahre Entwicklungszeit, wenn auch noch Maschinentests gefahren werden müssen, sind drei Jahre eine kurze Vorbereitungszeit.

Peter Désilets Bild: Pacoon