Empco-Richtlinie

Hersteller überkleben Umweltaussagen

Die nächsten Interpacks werden Stück für Stück auf erneuertem Grund stattfinden – die Messe Düsseldorf investiert mehrere 100 Millionen Euro in ihr Gelände.

Noch mit dem Hinweis auf zertifizierten Kakao: „Ritter-Sport“-Tafeln in einem Supermarkt, Juni 2026.

Fotocredit: IMAGO/Manfred Segerer

Das grüne Rechteck auf der Ritter-Sport-Schokolade verspricht den Käufern eigentlich „100 Prozent zertifiziert nachhaltigen Kakaobezug“. Darauf pappt ein Aufkleber in gleicher Farbe. Der verweist stattdessen auf den Inhalt mit „100 Gramm“. Mit der Klebe-Aktion will sich das Süßwarenunternehmen absichern. Am 27. September treten die Regeln der europäischen Empco-Richtlinie in Kraft. Um Greenwashing vorzubeugen, müssen Aussagen etwa über Nachhaltigkeit und Klimaauswirkungen stärker als bisher begründet werden.

Ritter teilt auf Anfrage mit, nach wie vor zertifiziert nachhaltigen Kakao einzusetzen. Aber die Kommunikation dazu habe der Mittelständler mit Blick auf die Empco-Richtlinie verändert. „Um die Übergangsphase sicher zu steuern, ohne Folien zu vernichten, sind wir dazu übergegangen, alte Folien mit der Grammatur zu stickern, ehe die neuen Folien mit neuem Claim eingesetzt werden“, so der Schokoladen-Produzent.

Auch die Fairer-Handel-Organisation Gepa greift vor der Empco-Deadline zum Aufkleber. Der Grund: Das hauseigene Fair-Plus-Siegel der Organisation muss weg. Denn es beruht nicht auf einem unabhängigen, extern überprüften Zertifizierungssystem. Gepa hat seine Lebensmittel-Verpackungen laut einer Mitteilung zum 1. Juli umgestellt und empfiehlt für Restbestände „goldene Klebepunkte“. Mehr als eine Million Produkte seien damit Empco-tauglich gemacht worden, so die Gepa auf Anfrage. Dabei habe die Organisation auch Dienstleister zu Hilfe geholt.

Denn der Aufwand ist groß: „Die Sticker-Lösung war nicht die eleganteste, aber beste Lösung für bereits produzierte Fertigware“, teilt eine Gepa-Sprecherin mit. „Unabhängig vom Umgang mit der Fertigware haben wir bereits produzierte und auf Lager befindliche, produzierte Bestände von Verpackungsmaterialienbeständen, zum Beispiel Folien, überdruckt und auch einiges an Verpackungen vernichtet.“ Die zeitgerechte Umsetzung der Richtlinie habe damit bereits den Jahresabschluss 2025 in einer Größenordnung von mehreren Hunderttausend Euro belastet und verursache auch im laufenden Jahr erhebliche weitere Kosten.

Gestaltetes Logo nicht mehr zulässig

Auch und gerade bei Nonfood ist die Kennzeichnung wegen der längeren Lagerungsdauer ein Thema. Der Spielwaren-Hersteller Simba Dickie hat „trotz jahrelanger Vorbereitung“ auf die Richtlinie noch vereinzelt Produkte im Lager, bei denen sich auf der Verpackung eine künftig unzulässige Angabe findet.

Zum Beispiel ist ein Holzspielzeug der Marke „Eichhorn“, die zu dem Fürther Familienunternehmen gehört, als plastikfrei gekennzeichnet. Eine Aussage, die zwar sowohl zutrifft als auch weiterhin zulässig ist, sofern sie als reiner Text aufgedruckt wäre. Die Verpackungsdesigner haben die Angabe aber wie ein Logo gestaltet. Eigene Siegel sind wie auch bei Gepa künftig nicht mehr gestattet. Deshalb verdeckt ein neutraler Aufkleber die Angabe auf den Packungen.

Die Hersteller setzen mit den Stickern eine Empfehlung der EU-Kommission zum Umgang mit Restbeständen um. Die Angst vor Abmahnvereinen geht in der Branche um. „Der gesamte Vorgang bindet große Kapazitäten“, heißt es beim ebenfalls betroffenen Safthersteller Voelkel. „Kapazitäten, die wir lieber für andere Marketingaktivitäten investiert hätten“, sagt Jurek Voelkel, Marketing- und Vertriebsgeschäftsführer. Wer bisher nichts für Nachhaltigkeit getan habe, habe auch keine Aussagen auf seinen Produkten und könne jetzt lächelnd zuschauen, wie die, die es ernst meinen, durch gigantischen Arbeitsaufwand gelähmt würden.

„Wir mussten unsere gesamten Marketingmaterialien überprüfen und, wo es nötig schien, Anpassungen vornehmen. Etiketten, Website, POS-Materialien, Flyer – da kommt einiges zusammen“ beim Safthersteller Voelkel. Das Unternehmen habe etwa Etiketten entsorgen müssen – dabei seien Kosten entstanden, weniger durch den Warenwert an sich, vielmehr durch den organisatorischen Aufwand. Konkret in Euro könne Voelkel die Aktionen nicht beziffern, da sie zum größten Teil aus internen Kosten bestünden oder aus nicht bezifferbarem Imageverlust. Voelkel: „Das ist extrem frustrierend für uns.“

Andere halten den Aufwand für gerechtfertigt

Andere Bio-Hersteller wie Rapunzel halten den Aufwand durch die Empco für gerechtfertigt: „Der Markt ist in den vergangenen Jahren von einer wachsenden Zahl an Siegeln und Nachhaltigkeitsaussagen geprägt worden, deren inhaltliche Grundlage nicht immer unmittelbar nachvollziehbar ist“, teilt Rapunzel mit. „Deshalb halten wir es für richtig, die Anforderungen an Transparenz und Nachweisbarkeit zu erhöhen und gegen unbelegte oder rein werbliche Aussagen vorzugehen.“

Auch Allos Hofmanufaktur unterstützt das Anliegen der EU-Richtlinie: „Als Bio-Lebensmittelhersteller sehen wir die Empco-Richtlinie nicht als Risiko, sondern als Bestätigung unserer Strategie, glaubwürdige und überprüfbare Nachhaltigkeitskommunikation zu leisten“, heißt es bei Allos.

Auch der Bio-Fisch-Spezialist Followfood unterstützt die Ziele der Empco. „Der Aufwand war und ist da“, so Strategiechef Julius Palm. „Aus unserer Sicht ist er aber sehr sinnvoll.“ Er betrachtet die Umstellung auch als Entwicklungspotenzial für die Hersteller. So habe Followfood zum Beispiel das Wort „nachhaltig“ aus der Kommunikation genommen und durch konkrete Aussagen ersetzt. „Bei unserem Thunfisch ist etwa aus ,Für Artenschutz‘ die genauere Angabe ,Selektiv gefischt‘ geworden, die durch unseren Trackingcode im Allgemeinen, aber auch die direkte Angabe der Fangmethode und den dazugehörigen wissenschaftlichen Daten belegt wird.“

Bei Tchibo beschäftigt sich nach Unternehmensangaben seit 2024 eine Arbeitsgruppe aus Nachhaltigkeits-, Verpackungs- und Logistik-Experten mit der Umsetzung der Empco-Richtlinie. Trotzdem hat der Kaffee- und Nonfood-Konzern die Umstellung noch nicht abgeschlossen. „Es gibt lange vorproduzierte Waren und Rückläufer aus Filialen, die heute noch nicht den Empco-Anforderungen entsprechen“, so ein Sprecher auf Anfrage. „Deshalb brauchen wir dringend eine Übergangsfrist für im Umlauf befindliche Ware.“ Tchibo unterstütze die Forderungen des Markenverbandes nach einer klaren, EU-weit verbindlichen Abverkaufsfrist, analog zu den Übergangsregeln, die bei der Verpackungsverordnung PPWR vorgesehen sind.

Die Drogeriekette DM hat nach eigenen Angaben Anfang 2025 begonnen, ihre Verpackungen umzustellen. Und das in großem Stil: Insgesamt rund 3000 der mehr als 5500 Eigenmarken-Produkte habe DM angepasst. „In wenigen Fällen mussten Produkthinweise aus Platzgründen ganz entfallen – auch wenn das Produkt die entsprechende Eigenschaft nach wie vor besitzt“, schreibt DM. Auf flächendeckendes Überkleben habe man aber verzichtet, das sei aufwendiger und oft teurer als der Austausch der Verpackung.

Die Autoren: Delphine Sachsenröder, Paul Siethoff, Mario Brück, Silke Biester