Till Isensee und Liane Miller

Tilisco's Kolumne

Einzelnachweis – der Hidden Champion

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, dass wir Recyclingfähigkeit inzwischen so lange bewerten, prüfen und zertifizieren, bis wir beinahe vergessen haben nachzusehen, ob überhaupt recycelt wird?

Materialanteile, Klebstoffe und Verpackungskomponenten werden detailliert bewertet und am Ende steht bestenfalls die Erkenntnis, das eine Verpackung unter den richtigen Bedingungen recyclingfähig sein könnte. Aber was passiert eigentlich dort, wo Recycling tatsächlich stattfindet? Hier kommt der Einzelnachweis ins Spiel. Die technische Recyclingfähigkeit wird, weg vom „Recycling auf dem Papier“, mit einem Nachweis über tatsächlich werkstofflich verwertete Mengen verbunden. Und ja: Ein belastbarer Einzelnachweis kostet in der Regel mehr als eine klassische Recyclingfähigkeitsbewertung. Der entscheidende Unterschied ist aber, wohin dieses Geld fließt. Beim Einzelnachweis wird nicht nur eine Verpackung untersucht und bewertet, denn ein Teil des Geldes landet dort, wo der Stoffstrom tatsächlich beeinflusst werden kann: bei Sortierung, Aufbereitung und Recycling. Das macht den Ansatz so spannend. Denn wenn eine bestimmte Materialfraktion für den Recycler plötzlich wirtschaftlich interessanter wird, stellt sich ganz automatisch die Frage, wie man mehr davon in verwertbarer Qualität aus dem Stoffstrom herausholt. Dann geht es nicht mehr nur um Theorie, sondern ganz konkret um NIR-Erkennung, Sortiergenauigkeit, Bahngeschwindigkeiten, und die Frage, welche Qualität am Ende beim Recycler ankommt. Dort liegt für der entscheidende Hebel. Das Geld fließt zu dem, der tatsächlich beeinflussen kann, ob aus Verpackungsabfall ein erneut nutzbarer Rohstoff wird. Untersuchung führt zu Bewertung, Bewertung zu Nachfrage und Nachfrage kann wiederum dazu führen, dass Sortier- und Verwertungsprozesse verbessert werden. Deshalb halten wir den Einzelnachweis für einen Hidden Champion. Und jetzt stellen wir uns vor, es entstünde tatsächlich ein Wettbewerb um echte Einzelnachweise und reale Verwertungsmengen. Dann würde ziemlich schnell sichtbar, für welche Verpackungsströme ausreichend Kapazitäten vorhanden sind – und für welche eben nicht. Diese Transparenz könnten wir dringend gebrauchen. Denn spätestens mit den PPWR-Vorgaben ab 2030 wird nicht mehr nur interessant sein, ob wir Verpackungen theoretisch recyceln können. Wir werden auch ausreichend geeignete Mengen benötigen, aus denen tatsächlich hochwertiges Rezyklat entsteht. Möglicherweise werden wir dann feststellen, dass davon deutlich weniger verfügbar ist, als es schöne Kreislaufgrafiken heute vermuten lassen. Deshalb wäre unsere Empfehlung ziemlich einfach: Je mehr Unternehmen sich heute mit realen Stoffströmen und echten Verwertungsnachweisen beschäftigen, desto früher erkennen wir die Lücken von morgen. Und desto mehr Zeit bleibt, um Sortierung, Aufbereitung und Recyclingkapazitäten tatsächlich weiterzuentwickeln. Oder wie wir bei Tilisco seit Jahren sagen: Die Realität setzt sich durch.

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