Flaschen-Upcycling

Ganz schön aufgesetzt

Getränkehersteller True Fruits verkauft nicht nur Shots und Smoothies, sondern auch Metallaufsätze. Sie machen aus den geleerten Glasflaschen Streuer, Mühlen und Anspitzer – eine Form des Upcyclings. Darüber reden will das Unternehmen aber nicht.

Steht, passt, wackelt: Monomaterial-Standbodenbeutel für Stevia von Koro. Bild: Koro

Es steht fast versteckt auf den Flaschen von True Fruits, einem auf Smoothies und Shots spezialierten Getränkehersteller. Gleich hinter dem ironischen Warnhinweis „Achtung, Suchtgefahr, weil köstlich und ohne Tricks“ folgt die Aufforderung: „Benutz mich! Nach dem letzten Schluck, z. B. als Zuckerstreuer“. Und das ist nicht ironisch gemeint: Auf Flaschenaufsaetze.com bietet True Fruits eine ordentliche Auswahl an Aufsätzen, die sich aufschrauben lassen und neue Nutzungen für die geleerten Flaschen möglich machen. Zum Beispiel eben als Zuckerstreuer.

Von naheliegend, originell bis fragwürdig

Das Bonner Unternehmen, das 2006 gegründet wurde und seit 2024 zu rund zwei Dritteln zu Eckes-Granini gehört, führt damit eine alte Recycling-Idee fort. Schon vor Jahrzehnten gab es zum Beispiel Senfgläser, die so gestaltet waren, dass sie geleert als Trinkgläser weiterleben konnten, und die heute noch in so einigen Küchenschränken stehen.

Weil die Glasflaschen von True Fruits Schraubgewinde haben, ist mehr drin denn ein Nachleben als schnödes Trinkglas. Rund 15 verschiedene Aufsätze stehen zur Wahl. Da sind naheliegende Dinge wie ein Gieß-, ein Trink-, ein Trinkhalm- und ein Trichter-Aufsatz. Da sind originelle Sachen wie Sprüh-, Seifenspender- und Anspitzer-Aufsätze. Und eine vielleicht etwas fragwürdige Idee: ein geruchsdichter Aufsatz, der aus einer Saftflasche einen Aschenbecher macht. Ganz wichtig: „Eine leere Flasche ist nicht im Set enthalten“, steht auf jeder Produktseite.

Speziell entwickelte Sonderanfertigungen

Hauptmaterial sind in der Regel Edelstahl oder Aluminium, gelegentlich mit Silikon (Dichtungsring oder Manschette), Kunststoff (Gewinde oder Röhrchen) oder Keramik (Mahlwerk). Es handele sich „um Sonderanfertigungen, die speziell für unsere Flaschen entwickelt wurden“, betont das Unternehmen auf der Website. „Dabei haben wir auf rostfreien Edelstahl gesetzt, womit wir garantieren wollen, dass die Aufsätze ein Leben lang halten.“ Die Entwicklungszeit für einen Aufsatz gibt True Fruits mit drei Jahren an.

Die Preise bewegen sich von 13 Euro (etwa der Zuckerstreuer für kleine Flaschen) bis 21 Euro (etwa der Grinder), einige davon sind Zweier-Sets. Nur die „Eisbär-Hülle“, eine Warm- und Kalthalte-Ummantelung, besteht aus Wolle und kostet 38 Euro. Arbeitsaufwand, Löhne, Musterkosten und Ähnliches, so die Website, seien in den Preisen nicht berücksichtigt.

True Fruits sieht in seinen Flaschenaufsätzen mehr als nur eine Marketing-Idee, nämlich astreines Upcycling: „Beim Upcycling geht es um die Aufwertung des Ursprungsproduktes für einen ganz neuen Zweck, der fern von dem Nutzen des eigentlichen Produktes liegt“, heißt es auf der Website. „So werden aus Fahrradreifen Gürtel, aus alten Pullovern schöne neue Kissenbezüge oder aus einer leeren Smoothieflasche eben ein hübscher Salzstreuer.“ Nutzer werden aufgefordert, unter dem Hashtag #truefruitsupcycling nach Ideen zu suchen oder eigene zu posten.

Alles sehr schön. Ein paar Fragen stellen sich aber doch.

So erzielte True Fruits 2024 einen Jahresumsatz von 71 Millionen Euro, wie es unter „True Facts“ heißt. Einen Durchschnittspreis von sehr grob drei Euro pro Flasche angenommen, wären das etwa 23 Millionen Flaschen pro Jahr. Das inkludiert die Limonaden-Marke „No Lemonade“, dennoch: Erzielen bei diesen Mengen Altglas die Aufsätze tatsächlich einen spürbaren Upcycling-Effekt?

Wer will Marketing auf dem Esstisch?

Die Senfgläser von früher waren zudem mit bunten Motiven versehen, damit die Herkunft nicht auffiel. Die True-Fruits-Flaschen dagegen sind mit dem Markenlogo, den üblichen Angaben und allerlei Marketingtext bedruckt. Will das wirklich jemand in der Küche stehen haben?

Um noch einmal auf die Zuckerstreuer zu kommen: Die sind eine Commodity, der Markt dürfte gesättigt sein. Wer kauft für 13 Euro einen Aufsatz, wenn es von Größe, Anmutung und Material her vergleichbare Streuer schon für etwa die Hälfte dieses Preises gibt? Ohne Logo?

Und nicht zuletzt: Die Flaschen sind bedruckt, aber durchsichtig. Wer also möchte eine Flasche mit 250 Millilitern Asche und Zigarettenstummeln auf dem Tisch haben?

True Fruits äußert sich weder zu diesen Fragen noch zu Verkaufszahlen und Bestsellern. „Wir konzentrieren uns zurzeit mehr aufs Machen statt aufs drüber Sprechen“, schreibt das Unternehmen auf eine Anfrage des „Packreports“. Und mit „zurzeit“ ist „dauerhaft“ gemeint: „Es ist unsere Grundeinstellung.“

Der Autor: Stefan Becker