Product Carbon Footprint
Verkaufen über CO₂-Daten

Product Carbon Footprint im Online-Shop von Kaiserkraft, hier für Sackkarren. Bild: Kaiserkraft
Der Product Carbon Footprint schafft eine neue Datengrundlage für die Beschaffung – und für den Verkauf von Verpackungen. Ratioform als Marke für Verpackungen bei Kaiserkraft hat das Konzept umgesetzt. Managerin Sabrina Raith beschreibt in ihrem Gastbeitrag, was es braucht, damit aus einer CO₂-Kennzahl eine belastbare Entscheidungshilfe wird.
Preis, Qualität, Funktionalität und Verfügbarkeit gehören seit jeher zu den zentralen Kriterien im professionellen Einkauf. Zunehmend kommt eine weitere Perspektive hinzu: Welche Klimawirkung hat ein Produkt? Unternehmen benötigen belastbare Informationen zu Treibhausgasemissionen nicht nur für ihre eigene CO₂-Bilanzierung und Berichtspflichten. Auch für die Auswahl von Produkten und Lieferanten gewinnen diese Daten an Bedeutung.
Eine Möglichkeit, diese Klimawirkung messbar zu machen, ist der Product Carbon Footprint (PCF). Er bildet die Treibhausgasemissionen eines Produkts über seinen Lebenszyklus ab: von der Rohstoffgewinnung über Herstellung und Transport (Cradle-to-Gate) bis hin zur Nutzung, Verwertung oder Entsorgung (Cradle-to-Grave). Damit ergänzt der PCF klassische Produktinformationen um eine quantitative Klimaperspektive.
Belastbare Daten sind essenziell
Wie sich ein solcher Ansatz in einem großen Produktsortiment umsetzen lässt, zeigt das Beispiel des B2B-Omnichannelhändlers Kaiserkraft. Für rund 60.000 Produkte beziehungsweise etwa 90 Prozent des aktuellen Portfolios wurden PCF-Werte ermittelt. Die Werte sollen künftig direkt am Produkt zur Verfügung stehen und Einkäufern damit einen zusätzlichen Datenpunkt für ihre Entscheidungen liefern.
Dabei ist zunächst eine klare Abgrenzung wichtig: Ein Product Carbon Footprint bewertet nicht die gesamte Nachhaltigkeitsleistung eines Produkts. Er betrachtet dessen Treibhausgasemissionen. Andere Aspekte wie soziale Kriterien, Langlebigkeit, Schadstoffe, Kreislauffähigkeit oder Biodiversität werden dadurch nicht automatisch erfasst.
Auch ein niedriger PCF bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass ein Produkt insgesamt nachhaltiger ist. Vielmehr liefert die Kennzahl eine zusätzliche Perspektive, die gemeinsam mit anderen Produkt- und Nachhaltigkeitsinformationen betrachtet werden sollte.
Für den Einkauf liegt genau darin der Nutzen: Klimadaten können schrittweise in bestehende Entscheidungsprozesse integriert werden. Sie können beispielsweise helfen, Produkte oder Lieferanten zu vergleichen, relevante Emissionstreiber zu identifizieren oder Klimadaten in Ausschreibungen einzubeziehen. Gleichzeitig können die Informationen die eigene CO₂-Bilanzierung eines Unternehmens unterstützen.
In der praktischen Umsetzung zeigt sich allerdings schnell: Einen PCF für einzelne Produkte zu berechnen ist nur ein Teil der Aufgabe. Deutlich anspruchsvoller ist es, aus sehr unterschiedlichen Ausgangsdaten belastbare und vergleichbare Produktinformationen zu erzeugen.
Dabei hängt der Aufwand nicht zwangsläufig von der Komplexität eines Produktes ab. Auch vermeintlich einfache Produkte können aufgrund der verfügbaren Daten einen erheblichen Berechnungsaufwand verursachen. Gute Ergebnisse entstehen deshalb nicht allein durch ein Berechnungstool. Entscheidend sind klare Prozesse, nachvollziehbare Annahmen und ein kontinuierlicher Austausch mit den Lieferanten.
Hinzu kommt: Nicht für jedes Produkt stehen von Beginn an vollständige Primärdaten zur Verfügung. Für Unternehmen kann es daher sinnvoll sein, zunächst mit anerkannten Sekundärdaten zu arbeiten. Entscheidend ist, Datenlücken und Annahmen transparent zu machen und die Datenbasis mit zunehmender Datenreife kontinuierlich zu verbessern.
Für Unternehmen, die erstmals mit dem Product Carbon Footprint arbeiten möchten, empfiehlt sich deshalb ein klar abgegrenzter Einstieg. Eine Produktgruppe, für die bereits vergleichsweise gute Daten verfügbar sind, kann beispielsweise als Ausgangspunkt dienen.
Der Anspruch sollte dabei nicht sein, vom ersten Tag an eine perfekte Datenbasis zu besitzen. Sekundärdaten können einen sinnvollen Einstieg ermöglichen, sofern sie entsprechend gekennzeichnet und schrittweise durch spezifischere Informationen ersetzt werden. Wichtiger als vermeintliche Perfektion ist ein belastbarer und nachvollziehbarer Prozess, der sich mit wachsender Datenqualität weiterentwickeln lässt.
Das verändert auch die Zusammenarbeit zwischen Einkauf und Lieferanten. Je stärker CO₂-Daten in Beschaffungsprozesse einfließen, desto wichtiger wird die Frage, welche Daten entlang der Lieferkette bereits verfügbar sind, wo Lücken bestehen und wie deren Qualität verbessert werden kann.
Ob ein PCF-Projekt erfolgreich ist, lässt sich daher nicht allein an der Zahl der berechneten Produkte messen. Entscheidend ist vielmehr, ob die gewonnenen Informationen tatsächlich genutzt werden.
Ein Zeichen zunehmender Datenreife ist beispielsweise, wenn aus der reinen Erfassung konkrete Fragen entstehen: Wo fehlen belastbare Informationen? Welche Emissionsquellen fallen besonders ins Gewicht? Welche Produkte unterscheiden sich deutlich voneinander? Und an welchen Stellen bestehen Ansatzpunkte für Verbesserungen? Erst dann entwickelt sich der Product Carbon Footprint von einer zusätzlichen Kennzahl zu einem Instrument, das konkrete Entscheidungen unterstützen kann.
In den kommenden Jahren dürften CO₂-Daten im professionellen Einkauf deshalb weiter an Bedeutung gewinnen: neben Preis, Qualität, Verfügbarkeit und weiteren Nachhaltigkeitskriterien. Für Unternehmen besteht die Aufgabe nun darin, diese Informationen nicht isoliert zu betrachten, sondern sie sinnvoll in bestehende Beschaffungsprozesse zu integrieren.

Sabrina Raith Bild: Kaiserkraft